EZB: Lagarde redet den „globalen Euro“ klein
Christine Lagarde während der Pressekonferenz: Der starke Euro beschäftigt den EZB-Rat. Unbehagen löst die Aufwertung aber nicht aus, sagt die Präsidentin. Foto: Florian Wiegand/dpa
Frankfurt. Gelassenheit mit Blick auf Inflation und Wechselkurs, Kontinuität in der Zinspolitik: Die Europäische Zentralbank (EZB) lässt wenig Bereitschaft erkennen, Zinssenkungen wieder aufzunehmen. EZB-Präsidentin Christine Lagarde wähnt die Notenbanker weiterhin „in einer guten Position“, wie die Französin am Donnerstag sagte.
Wie allgemein erwartet, hat die EZB ihre Zinspause verlängert und den für die Spar- und Kreditzinsen maßgeblichen Einlagensatz für Banken bei 2,0 Prozent belassen. Dort steht der Leitzins seit Mitte 2025 – und aktuell gibt es kaum Aussichten, dass die EZB das beizeiten ändert.
Zu Jahresbeginn ist die Inflationsrate zwar unter ihr Zwei-Prozent-Ziel gefallen, unter anderem aufgrund stark gesunkener Energiepreise. Im Januar stiegen die Verbraucherpreise um 1,7 Prozent.
Doch Lagarde betonte, man dürfe einzelne Werte nicht überinterpretieren, auch wenn der Ausblick für die Inflation „unsicherer als gewohnt“ sei. Der EZB-Rat betont in seinem Beschluss, dass er mittelfristig eine Rückkehr zu einer Inflation von zwei Prozent erwarte.
Ludovic Subran, Chefvolkswirt der Allianz, sieht die EZB zinspolitisch in einer komfortablen Position: „Die Inflation liegt nahe am Zielwert, das Wachstum nähert sich seinem Potenzial und die Arbeitsmärkte bleiben angespannt, was eine längere Pause rechtfertigt.“ Es könnte „ein langweiliges Jahr“ werden, wie Jari Stehn von der US-Bank Goldman Sachs jüngst sagte – wäre da nicht der Wechselkurs.
So untypisch Ausschläge wie in der vergangenen Woche – ein Sprung von 1,16 Dollar über 1,20 Dollar und zur Hälfte zurück – für die oft trägen Devisenmärkte sind: Die Euro-Aufwertung verändert das Kalkül der EZB. Denn sie dürfte Analysten zufolge von Dauer sein und die Notenbank zwingen, im März ihre Inflationsprognosen zu senken.
Frederik Ducrozet vom Schweizer Vermögensverwalter Pictet nahm am Donnerstag bei der EZB zwischen den Zeilen ein gewisses Unbehagen zur Euro-Aufwertung wahr. Denn eine starke Gemeinschaftswährung dämpft die Inflation tendenziell, weil Importe günstiger werden.
Die Währungshüter hätten darüber diskutiert, sagte Lagarde. Sie räumte ein, die starke Währung könne den Preisdruck stärker dämpfen als derzeit erwartet. Man habe darauf „ein wachsames Auge“, wenngleich die EZB kein direktes Wechselkursziel verfolge.
Die Devisenexperten der Commerzbank und der Bank of America rechnen damit, dass ein Euro Ende des Jahres 1,22 Dollar wert sein wird. Die robuste US-Wirtschaft verhindere, dass der Dollar schneller abwerte, heißt es bei der Bank of America. Deutsche Bank und Goldman Sachs sehen den Euro dagegen in knapp einem Jahr bereits bei 1,25 Dollar.
Im Durchschnitt erwarten Analysten den Wechselkurs dem Finanzdienst Bloomberg zufolge in einem Jahr bei 1,20 Dollar. Auch an den Terminmärkten wird der Euro zu diesem Kurs gehandelt. Devisenhändler stellen sich den Daten zufolge bereits darauf ein, dass der Euro in den kommenden Jahren weiter schleichend auf- und der Dollar weiter abwertet.
Für den Chefvolkswirt der Förderbank KfW, Dirk Schumacher, kommt darin „ein steigendes Misstrauen gegenüber der amerikanischen Politik“ zum Ausdruck. Ökonomen, wie auch die EZB selbst, schauen daher verstärkt auf den handelsgewichteten Euro, um den Außenwert des Euros und Folgen für die Inflation abzuschätzen.
Dafür setzen Analysten den Euro mit einem Korb aus zwölf Währungen ins Verhältnis, deren Gewicht vom Handelsvolumen abhängt. Der „effektive Wechselkurs” deutet eher auf eine Dollar-Schwäche als eine Euro-Stärke hin: Seit Jahresbeginn ist der handelsgewichtete Euro um 0,3 Prozent gefallen, hat aber gegenüber dem Dollar um 0,6 Prozent aufgewertet. Bereits im vergangenen Jahr hatte sich der Euro-Dollar-Kurs zusehends vom effektiven Wechselkurs entkoppelt.
Lagardes Träume vom „globalen Euro“
Währungsexperten halten indes weitere Erschütterungen im Währungssystem für absehbar. Berkeley-Ökonom Barry Eichengreen bezeichnet den jüngsten Dollar-Verfall als „symptomatisch“. Sein Harvard-Kollege Kenneth Rogoff prophezeit, der Dollar werde „in den nächsten zehn Jahren massiv an Gewicht verlieren“.
Geht es nach Lagarde, soll davon der Euro profitieren. Die EZB-Chefin beschwor voriges Jahr in einer Rede in Berlin den „globalen Euro“, also eine noch deutlich zunehmende Bedeutung der Gemeinschaftswährung. Aber solche Ambitionen, so die Sorgen in der Wirtschaft, könnten den Euro noch viel stärker aufwerten lassen und europäische Waren international unverkäuflich machen.
Lagarde wies solche Befürchtungen am Donnerstag zurück. Um international eine zentrale Rolle zu spielen, seien andere Eigenschaften wichtiger als eine hoch bewertete Währung: Rechtssicherheit, eine Position der Stärke in Sachen Verteidigung und kritische Infrastruktur sowie Freihandelsabkommen wie jene mit Mercosur und Indien.
Doch Experten haben Zweifel, ob der „globale Euro“ sein Versprechen überhaupt je einlösen kann. Der Chefvolkswirt des Analysehauses Capital Economics, Neil Shearing, sieht dafür unüberbrückbare Hindernisse: das Fehlen einer gemeinsamen Fiskalpolitik, die Narben der Euro-Schuldenkrise, zersplitterte Kapitalmärkte und ein chronischer Mangel an Staatsanleihen hoher Bonität.
Zwar sind deutsche Bundesanleihen so etwas wie der Goldstandard an Europas Anleihemärkten, „aber sie sind im Vergleich zu US-Staatsanleihen knapp“, sagt Shearing. Für den Währungsexperten Eichengreen kann schon deshalb „der Euro als Sicherer-Hafen-Währung kaum funktionieren“.
Den Ausweg sehen Experten darin, dass die EU-Kommission dauerhaft Gemeinschaftsanleihen ausgibt. Bislang ist das nur in Ausnahmefällen möglich: Die EU-Kommission hat in der Coronapandemie erstmals im großen Stil Gemeinschaftsanleihen aufgelegt. Nun hat sie mit EU-Anleihen für Rüstungsprojekte in EU-Staaten nachgelegt.
Der schwache Dollar läutet die Stunde des Euros ein
Eiko Sievert von der Ratingagentur Scope hört „von institutionellen Investoren regelmäßig, dass sie weniger US-Staatsanleihen kaufen und vermehrt in andere Länder und Währungen umschichten“. Der Euro werde davon aber langfristig nur profitieren, wenn die EU dauerhaft mit Gemeinschaftsanleihen den Markt bedient: „Die Nachfrage nach EU-Anleihen ist groß.“
EZB-Präsidentin Lagarde ließ sich dazu am Donnerstag nicht näher ein, nur so viel: Euro-Bonds seien „definitiv Teil unserer Checkliste“ für eine stärkere europäische Wirtschaft. Diese Checkliste werde sie den Staats- und Regierungschefs zukommen lassen, bevor diese kommende Woche zu einer Klausurtagung in Brüssel zusammenkommen.



