Dax-Konzern: Deutsche Börse macht Rekordgewinn – Gegenwind im ESG-Geschäft
Bulle und Bär vor der Deutschen Börse in Frankfurt: Aktienkurseinbruch trotz Rekordgewinn. Foto: dpa
Frankfurt. Auf den ersten Blick ist es paradox: Die Deutsche Börse hat im vergangenen Jahr die höchsten Erlöse und den höchsten Gewinn ihrer Geschichte eingefahren. Dennoch haben die Aktien des Dax-Konzerns seit Mai einen beispiellosen Absturz hingelegt.
Verantwortlich dafür sind unter anderem der gefallene Dollar und der politische Gegenwind für die Tochter ISS Stoxx in den USA. Zudem treibt Investoren die Sorge um, dass der verstärkte Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) das Datengeschäft von Deutschlands größtem Börsenbetreiber unter Druck setzt.
Unter dem Strich baute das Unternehmen aus Eschborn bei Frankfurt seine bereinigten Nettoerlöse im vergangenen Jahr jedoch um neun Prozent auf 5,2 Milliarden Euro aus. Der Betriebsgewinn (Ebitda) stieg um 14 Prozent auf 2,7 Milliarden Euro. Das Ergebnis der Finanzabteilung (Treasury) ist dabei jeweils nicht berücksichtigt.
Es ging im vergangenen Jahr um 20 Prozent auf 837 Millionen Euro zurück, weil die Deutsche Börse wegen der gesunkenen Leitzinsen der Notenbanken mit den Einlagen ihrer Kunden in der Wertpapierverwahrung und bei der Abwicklungsplattform Eurex Clearing weniger verdiente. 2026 erwartet das Unternehmen einen weiteren Rückgang des Treasury-Ergebnisses auf rund 700 Millionen Euro.
Die Deutsche Börse habe 2025 „die Stärke und Resilienz unseres diversifizierten Geschäftsportfolios“ unter Beweis gestellt, sagte Vorstandschef Stephan Leithner. „Durch starkes strukturelles Wachstum haben wir den Gegenwind aus Zinsumfeld, geringer Volatilität und Währungseffekten mehr als ausgeglichen.“
Für das laufende Jahr erwartet der Österreicher einen Anstieg der Nettoerlöse auf etwa 5,7 Milliarden Euro. Der Betriebsgewinn soll auf 3,1 Milliarden Euro zulegen. Das Treasury-Ergebnis ist dabei jeweils nicht eingerechnet.
Erlöse im Datengeschäft sinken bereits
Mit den Zahlen 2025 und dem Ausblick für 2026 liegt die Deutsche Börse im Großen und Ganzen im Rahmen der Markterwartungen. Das gilt auch für die Dividende, die um 20 Cent auf 4,20 je Aktie steigen soll. Positive Überraschungen, mit denen der Konzern seiner gebeutelten Aktie wieder Auftrieb geben könnte, finden sich jedoch zumindest auf den ersten Blick nicht.
Das Papier hat seit seinem Rekordhoch von 293 Euro am 5. Mai 2025 gut 30 Prozent an Wert verloren. Damit wurde eine Marktkapitalisierung von mehr als 17 Milliarden Euro ausgelöscht. Über einen Zeitraum von neun Monaten handelt es sich um den stärksten Einbruch der Börsen-Aktie seit der globalen Finanzkrise 2008.
Ein Grund für den Kursrückgang sind die wachsenden Sorgen von Investoren vor neuer Konkurrenz durch KI. Die Deutsche Börse hält diese für übertrieben und betont, weniger als fünf Prozent ihrer Erlöse seien von einer Disruption durch KI betroffen. Dabei geht es vor allem um das sogenannte Market-Intelligence-Geschäft.
Der Konzern verkauft in diesem Segment öffentlich verfügbare Daten, etwa zur Nachfrage nach Investmentprodukten in den USA, gebündelt an Kunden. 2025 gingen die Erlöse in diesem Geschäftsbereich bereits um sieben Prozent auf 104 Millionen Euro zurück.
Geschäft von Stimmrechtsberater ISS stagniert
Unter Druck steht auch die Tochter ISS Stoxx, besonders in Amerika: US-Präsident Trump und dessen Unterstützer lehnen Nachhaltigkeits- und Diversitätsregeln (ESG) strikt ab und kritisieren die Arbeit von Stimmrechtsberatern wie ISS und Glas Lewis scharf. Der Bankenausschuss des US-Senats warf ISS 2025 in einem Brief unter anderem vor, „aus undurchsichtigen und ideologischen Gründen“ Einfluss auf US-Firmen zu nehmen.
Die größte US-Bank JP Morgan beendete ihre Zusammenarbeit mit ISS und Glass Lewis in Amerika Anfang des Jahres mit sofortiger Wirkung und setzt in ihrer Vermögensverwaltungssparte stattdessen jetzt auf eine mit KI selbst entwickelte Lösung namens „Proxy IQ“.
US-Präsident Trump: Scharfe Kritik an Nachhaltigkeits- und Diversitätsregeln. Foto: Jose Luis Magana/AP/dpa
Bei der Deutschen Börse spiegelt sich das schwierige Marktumfeld in den Zahlen der Sparte IMS wider. In deren Segment ESG, in das auch die Beratung von Investoren bei der Abstimmung auf Hauptversammlungen durch ISS fällt, stagnierten die Erlöse im vergangenen Jahr bei 260 Millionen Euro. Im vierten Quartal gingen sie um fünf Prozent auf 62 Millionen Euro zurück.
Für die Deutsche Börse ist diese Entwicklung auch deshalb bitter, weil der Konzern seit dem vergangenen Jahr einen Börsengang seiner Tochter ISS Stoxx prüft. Die Hessen halten daran nur 80 Prozent, die übrigen 20 Prozent gehören dem Finanzinvestor General Atlantic. Doch das wird sich nun ändern.
Die Deutsche Börse übernimmt den Datenanbieter ISS Stoxx komplett und kauft der US-Beteiligungsgesellschaft General Atlantic deren restlichen Anteil von 20 Prozent für 1,1 Milliarden Euro ab. Dies teilte der Börsenbetreiber am Mittwoch mit. Da ein Börsengang als Alternative nicht zustande kam, könne General Atlantic seine Anteile nun an die Deutsche Börse verkaufen, hieß es. Der Kaufpreis soll in zwei Tranchen im Februar und März fließen und aus Barmitteln sowie bestehenden Kreditlinien finanziert werden.



