Lenovo-Laptop mit Aufrollbildschirm: Dieses Notebook ist ein Hochstapler

Lenovo-Laptop mit Aufrollbildschirm: Dieses Notebook ist ein Hochstapler
ThinkBook Plus Gen 6 Rollable: Der Bildschirm ist ein Aufstiegskandidat

ThinkBook Plus Gen 6 Rollable: Der Bildschirm ist ein Aufstiegskandidat


Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Auf Technologiemessen wie der CES, der IFA und dem MWC kann man immer wieder beeindruckende Bildschirme sehen. Teils in Hinterzimmern, teils in Vitrinen zeigen Hersteller wie Samsung und TCL ihre Ideen für die Displays der Zukunft. Konkret sind daraus bisher hauptsächlich falt- und klappbare Smartphones hervorgegangen. Anfang 2025 zeigte Lenovo auf der CES in Las Vegas den Prototyp eines Laptops mit einem Bildschirm, der auf Knopfdruck nach oben erweitert werden kann. Ein Jahr später ist daraus ein Produkt geworden, das man kaufen kann, das ThinkBook Plus Gen 6 Rollable. Wir haben ausprobiert, was das bringt.

Macht den Unterschied: Die Bildschirm-rauf-oder-runter-Taste

Macht den Unterschied: Die Bildschirm-rauf-oder-runter-Taste


Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Auf den ersten Blick wirkt der rund 3850 Euro teure Mobilcomputer wie ein normales Notebook. Etwas klobig vielleicht. Für ein Notebook dieser Preisklasse sind die Bildschirmränder allerdings ungewöhnlich breit. Das verwundert, schließlich arbeitet sich die Branche seit Jahren daran ab, diese Ränder so schmal wie nur möglich zu machen. Hier aber sind sie knapp 1,5 Zentimeter breit. Damit passen sie jedoch gut zum Bildschirm, denn der ist im Vergleich zum Display eines MacBook Pro geradezu klobig.

Größenvergleich: Links das ThinkBook, rechts ein MacBook Pro

Größenvergleich: Links das ThinkBook, rechts ein MacBook Pro


Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Strandtauglich ist das nicht

Warum das so ist, klärt sich nach einem Druck auf die »Rauf-und-runter«-Taste, die Lenovo rechts oberhalb der Tastatur platziert hat. Ein Druck darauf lässt den Bildschirm wachsen. Mit einem sanften Surren rollt von unten immer mehr Bildschirmfläche heraus, das Display schiebt sich nach oben. Rund achteinhalb Sekunden nach dem Tastendruck sind aus den bei vielen Notebooks üblichen 14 Zoll Bilddiagonale stattliche 16,7 Zoll geworden, im Hochformat. In nackten Zahlen ausgedrückt werden aus 2000 × 1600 Pixeln 2000 × 2350 Pixel.

Ausfahrmodell: Links das ThinkBook mit eingefahrenem, rechts mit ausgefahrenem Bildschirm
Ausfahrmodell: Links das ThinkBook mit eingefahrenem, rechts mit ausgefahrenem Bildschirm

Ausfahrmodell: Links das ThinkBook mit eingefahrenem, rechts mit ausgefahrenem Bildschirm

Egal, ob im Quer- oder im Hochformat, die Qualität des Bildschirms ist hervorragend. Farben werden realistisch und mit kräftigen Kontrasten wiedergegeben, Farbverläufe sind wirkliche Verläufe und nicht Farbabfolgen. Damit kann man arbeiten. Wenn auch nicht überall.

Denn weil der Bildschirm rollbar sein muss, kann er kein schützendes Deckglas enthalten. Stattdessen basiert er auf Kunststoff. Der Fachbegriff für solche Displays lautet Plastic Organic Light Emitting Diode, kurz pOLED. Weil der Kunststoff, aus dem solche Bildschirme hergestellt werden, recht weich ist, ist er kratzempfindlich. Schon ein zwischen Display und Tastatur eingeklemmtes Sandkorn könnte beim Zusammenklappen Spuren hinterlassen. Strandtauglich ist das nicht, obwohl es mehr Schatten spenden könnte als herkömmliche Laptops.

Freiraum: Beim Herunterfahren des Bildschirms sollte man seine Finger fernhalten

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Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Positiv: Die Stelle, an der der Bildschirm unten aufgerollt wird, ist nur schwach als Falte zu erkennen, wenn der Bildschirm ausgefahren, aber ausgeschaltet ist, was eher selten der Fall sein dürfte. Sobald auf dem ausgefahrenen Display ein Hintergrundbild angezeigt wird, ist die Falz nicht mehr zu sehen und auch keine anderen Verformungen oder Veränderungen jenes Teils, der ständig unten auf- und zugerollt wird. Ob das langfristig so bleibt, wird sich zeigen.

Schnell, aber nicht sehr

Lenovo positioniert es ohnehin und sicher auch des Preises wegen eher im Profibereich. »Ideal für Datenanalysten, Programmierer und alle, die eine flexible Displayfläche wünschen«, heißt es bei Lenovo allerdings. Das ließe auch für viele Nichtprofis Platz.

Wie oft bei Lenovo kann die Tastatur funktionell überzeugen. Die großen Tasten erzeugen ein angenehm weiches, aber nicht schwabbeliges Schreibgefühl. Das Trackpad hat mich während des Tests allerdings mit einem Klapperton genervt, der bei jedem Druck zu hören war. Das wirkt viel billiger, als es ist.

Viel Schwarzraum: Spiele wie »Half Life 2« mögen das Hochkantformat nicht

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Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Als Antrieb dient dem Lenovo ein Intel-Chip vom Typ Core Ultra 7258 V. Er liefert einen guten Mix aus Leistung und Ausdauer, ist aber kein Hochleistungsmodell. Im Leistungstest Geekbench 6 kommt er auf eine Single-Core-Leistung von 2728 Punkten und eine Multicore-Leistung von 10958 Punkten. Damit ist er nur marginal schneller als ein Apple MacBook Pro von 2021 (2369 und 10371 Punkte). Für alle alltäglichen Aufgaben, etwa Bild- und Videobearbeitung, ist das genug; das Kompilieren umfangreicher Programmierprojekte beispielsweise könnte etwas länger dauern.

Erst der Anfang

Die Vermutung liegt nah, dass dieses Modell nur kurz in Lenovos Programm bleiben wird. Im Januar war auf der CES bereits ein Nachfolgemodell zu sehen, das dem Konzept noch einen draufsetzt. Das aktuell noch als Konzeptstudie bezeichnete Gerät zieht den Bildschirm nicht nur nach oben, sondern darüber hinaus auf die Rückseite des Laptops. Lenovo nennt das »World facing rear Display«, also einen auf den Rest der Welt ausgerichteten Rückbildschirm.

Lenovo-Prototyp: Die Rückseite gibt Einblick in die Mechanik, Nachrichten und Notizen

Lenovo-Prototyp: Die Rückseite gibt Einblick in die Mechanik, Nachrichten und Notizen


Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

In Las Vegas wurden auf der Rückseite anstehende Aufgaben und Notizen angezeigt. Welchen Wert dies für den Rest der Welt haben soll, blieb unklar. Ganz im Gegensatz zum teilweise transparenten Material des Rückendeckels, der Einblick in die komplexe Mechanik der Maschine gewährt. Ob daraus auch ein echtes Produkt wird, bleibt abzuwarten.

Sicher kann man dagegen davon ausgehen, dass das Legion Pro Rollable in diesem Jahr auf den Markt kommen wird. Auch dieses Modell wird einen aufrollbaren Bildschirm haben, der sich hier allerdings nicht vertikal, sondern horizontal entfaltet, den Bildschirm also breiter macht. So kann man den 16-Zoll-Bildschirm im Format 16:10 per Knopfdruck auf 21,5 Zoll im Kinoformat 21:9 erweitern, ideal für Filme. Drückt man noch einmal, breitet sich das Display gar auf 23,8 Zoll aus, ideal für Büroarbeit.

Legion Pro Rollable: Ganz schön breit

Legion Pro Rollable: Ganz schön breit


Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Eigentlich aber ist das Legion Pro Rollable, wie alle Modelle der Legion-Reihe, für Gaming gedacht. Deshalb hat es neben einem Intel-Core-Ultra-9-Prozessor eine leistungsstarke nVidia-Grafikkarte vom Typ RTX 5090 an Bord. Einzig Gamer dürften auch bereit sein, das stattliche Gewicht von knapp drei Kilogramm hinzunehmen.

Nach all den Prototypen, Konzeptstudien und nun auch dem ersten serienreifen Notebook mit Roll-Bildschirm wird allerdings klar, dass Lenovo es ernst meint. So wie Samsung mit seinen falt- und knickbaren Smartphones seit Jahren eine winzige Nische beackert, will Lenovo offenbar die Sparte der Rollbildschirm-Laptops für sich reklamieren.

Dabei ist offensichtlich, dass das Unternehmen die Technik zwar beherrscht, sich offenbar aber nicht sicher ist, in welche Richtung es gehen soll. Hoch oder breit, Gamer oder Büroarbeiter, das dürfte sich in den kommenden Jahren entscheiden, wenn mehr Produkte wie das ThinkPad Plus G6 Rollable auf den Markt kommen. Der ultimative Test für den Erfolg einer neuen Produktkategorie findet immer an der Ladenkasse statt.

Hintergrund: Produkttests im Netzwelt-Ressort

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