Warum viele Menschen zunehmen – obwohl sie nicht mehr essen
Manche Menschen nehmen viel schneller und viel mehr zu als andere. Ein Grund für Übergewicht oder Fettleibigkeit kann die chronische Krankheit Adipositas sein.
Viele Betroffene kennen das: obwohl der Alltag gleich bleibt und keine großen Essenssünden dazukommen, steigt die Zahl auf der Waage. Die einfache Erklärung „zu wenig Disziplin“ wird der Realität nicht gerecht. Hinter Adipositas stehen oft biologische Prozesse, die den Körper auf Mangel ausrichten – und mit Dauerüberfluss überfordert sind.
Warum manche zunehmen – und andere nicht
Die Genetik spielt beim Zunehmen eine Rolle. Nicht jeder Mensch nimmt gleich schnell und gleich viel zu, erklärt der Blog Über-Gewicht.
Einige Personen gleichen zusätzliche Kalorien unbewusst durch weniger Essen oder mehr Bewegung aus. Andere haben diese automatische Regulierung nicht in gleichem Maße.
Das Problem: Das Sättigungsgefühl ist nicht willentlich steuerbar. Man kann sich also nicht „einfach zusammenreißen“, wenn der Körper diese Signale verzögert oder abgeschwächt sendet. Das erklärt, warum manche Menschen trotz ähnlicher Ernährung deutlich stärker zunehmen als andere.
Körper ist auf Knappheit ausgerichtet – nicht auf Supermarkt-Regale
Aber reduziert der Körper nicht den Appetit, wenn die Fettspeicher ausreichend gefüllt sind? Antworten darauf liefert Forschung der Universität Zürich.
Der Veterinärphysiologe Thomas Lutz untersucht an der Universität Zürich seit Jahren Hormone, die Hunger und Sättigung regulieren. Seine zentrale Erkenntnis: „Unser Körper ist darauf programmiert, nicht zu verhungern, für ein Leben im Nahrungsmittelüberfluss ist er nicht gemacht“, sagt er in einem Artikel der Universität Zürich.
Ein Schlüsselhormon ist Leptin: Sinkt der Fettanteil im Körper, fällt der Leptinspiegel – Hunger entsteht. Steigt der Fettanteil, bleibt die dämpfende Reaktion vergleichsweise schwach. Lutz beschreibt Leptin als „biologischen Sensor“, der vor dem Verhungern schützt. Für Zeiten dauerhaften Überflusses ist dieser Mechanismus jedoch nur bedingt geeignet – und das kann dann Probleme mit Übergewicht begünstigen.
Übergewicht in Deutschland
„Ein Viertel der Erwachsenen sind stark übergewichtig“, das stellt die Deutsche Adipositas Gesellschaft klar. Ein BMI von über 30 kg/m² ist die Grenze der Fettleibigkeit erreicht – ein Fakt, der in der Gesellschaft mittlerweile immer häufiger auftritt.
Auch weltweit ist die chronische Erkrankung Adipositas bemerkbar. Das Bundeszentrum für Ernährung berichtet von einer australischen Studie, die aufzeigt: „Bis zum Jahr 2050 wird voraussichtlich ein Drittel der Kinder und Jugendlichen rund um den Globus fettleibig oder übergewichtig sein.“
Damit steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2 und bestimmte Krebsarten deutlich. Adipositas gehört hierzulande zu den zentralen gesundheitlichen Herausforderungen.
Problemverstärker: Essverhalten in der Gesellschaft
Ein Problem, das die Gewichtszunahme beeinflusst: Die Lebensmittel, die auf den Tellern landen.
Dabei geht es zum Beispiel um den Verarbeitungsgrad. „Hochverarbeitete Lebensmittel enthalten in der Regel viele Kalorien, viel Salz und/oder Zucker und zahlreiche Zusatzstoffe“, erklärt die AOK. Wichtige Vitamine oder Nährstoffe, die der Körper braucht, sind nur selten zu finden.
Dabei machen hochverarbeitete Lebensmittel meist weniger satt. Besonders Menschen mit Adipositas fällt es schwer, ein Sättigungsgefühl zu erkennen. Bei ihnen setzt ein Sättigungssignal verzögert ein, selbst wenn die Energiespeicher eigentlich voll sind.
Moderne Therapie: Fokus auf Biologie statt nur auf Willenskraft
In der Therapie von Adipositas ist ein Wandel zu erkennen: Klassische Bausteine wie Ernährungsberatung und psychologische Begleitung bleiben zwar wichtig, allerdings gewinnen Medikamente an Bedeutung, die direkt in die Steuerung von Hunger und Sättigung eingreifen und so zusammen mit einer Ernährungsumstellung und mehr Bewegung die Gewichtsabnahme erleichtern. Diese Medikamente können von Ärtzten verschreiben werde, wenn bei Menschen mit Adipositas auch gewichtsbedingte Begleiterkrankungen vorliegen. Allerdings ist es wichtig darauf zu achten, dass Medikamente immer auch Nebenwirkungen haben können und nicht für alle Menschen geeignet sind.
Ernährung umstellen
Eine Crash-Diät bei Adipositas oder Übergewicht ist nicht zu empfehlen. Experten setzen eher auf eine langfristige Ernährungsumstellung. So auch Dr. med. Francoise Wilhelmi de Toledo in einem Artikel der UGB Gesundheitsberatung. Am besten tut dem Körper ein Konzept, dass in den Alltag integriert werden kann und ganzheitlich mehrere Strukturen im Leben einschließt: Mehr Bewegung, gesunde Ernährung und ein kontrolliertes Essverhalten zum Beispiel. Ebenfalls könnte ein Intervallfasten in Betracht gezogen werden, um dem Essverhalten einen strukturierten Ablauf zu ermöglichen.



