Expertin: Darum empfindet die Frogner-Frau noch Zuneigung für Marius

Expertin: Darum empfindet die Frogner-Frau noch Zuneigung für Marius
Als mutmaßliches Opfer

Expertin: Darum empfindet die Frogner-Frau noch Zuneigung für Marius

Martina Lackner

Martina Lackner

von Martina Lackner

14.03.2026, 08:00 Uhr

14. März 2026 um 08:00 Uhr

Wie kann es sein, dass sich das mutmaßliche Opfer, die sogenannte „Frogner-Frau“, immer noch zum mutmaßlichen Täter Marius Borg Høiby hingezogen fühlt? Eine Expertin klärt auf.

Der Prozess gegen Marius Borg Høiby (29), den ältesten Sohn der norwegischen Kronprinzessin Mette-Marit (52), sorgt derzeit international für Aufmerksamkeit. Im Mittelpunkt steht unter anderem die sogenannte Frogner-Frau, eine ehemalige Partnerin Høibys, die im Verfahren als mutmaßliches Opfer von Marius gilt. Trotz schwerer Vorwürfe – darunter Gewalt, Drohungen und wiederholte Verstöße gegen ein Kontaktverbot – berichtet sie weiterhin von Gefühlen und sogar von Mitleid für ihn.

Für Außenstehende wirkt dieses Verhalten zunächst paradox, ja fast skurril. Warum empfindet ein mutmaßliches Opfer Zuneigung für einen mutmaßlichen Täter? Die Antwort liegt häufig in komplexen psychologischen Dynamiken – insbesondere in Macht-Ohnmacht-Spiralen und emotionalen Abhängigkeitsverhältnissen.

Martina Lackner ist eine erfahrene Psychologin, Psychotherapeutin sowie Autorin, die sich auf gesunde Machtstrategien spezialisiert hat. Sie leitet die PR-Agentur Cross M. Sie ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen ihre persönliche Auffassung auf Basis ihrer individuellen Expertise dar.

Die Macht-Ohnmacht-Spirale im Fall Marius Borg Høiby

Die Beziehung zwischen der Frogner-Frau und Marius Borg Høiby begann offenbar nicht mit Gewalt. Laut ihrer Aussage vor Gericht entwickelten sich die Konflikte zunächst um Themen wie Untreue oder Drogenkonsum. Sie habe versucht, sein Verhalten zu rechtfertigen oder zu entschuldigen.

Genau hier setzt eine klassische Macht-Ohnmacht-Spirale ein:

  1. Idealisierung und Bindung
    Beziehungen beginnen häufig mit intensiver emotionaler Nähe. Gerade in Beziehungen mit starken Machtgefällen – etwa sozial, emotional oder statusbedingt, wie in diesem Fall – entsteht eine besonders starke Bindung.
  2. Erste Grenzverschiebungen
    Problematisches Verhalten wird relativiert („Er meint es nicht so“, „Er hat gerade Probleme“, „Ihm tut es danach auch immer leid“).
  3. Selbstrechtfertigung des Opfers
    Um die Beziehung zu stabilisieren, beginnt die betroffene Person, die Realität umzudeuten oder auch auszublenden.
  4. Emotionale Abhängigkeit
    Je mehr Investition (Zeit, Gefühle, Loyalität) in die Beziehung fließt, desto schwerer wird der Ausstieg.

Solche Dynamiken führen dazu, dass Opfer nicht nur bleiben, sondern sich emotional sogar stärker an den Täter binden. Wir kennen diese Dynamiken häufig in Fällen häuslicher Gewalt, in denen Frauen nach einer Flucht ins Frauenhaus wieder zum Partner zurückkehren.

Trauma-Bindung: Wenn Gewalt und Zuneigung sich abwechseln

In vielen gewaltbelasteten Beziehungen entsteht eine sogenannte Trauma-Bindung. Dabei wechseln sich Phasen von Aggression mit Phasen von Reue, Zuwendung oder Versöhnung ab.

Marius Borg Høiby werden unter anderem Vergewaltigung, Misshandlung und Gewalttaten vorgeworfen.

Marius Borg Høiby werden unter anderem Vergewaltigung, Misshandlung und Gewalttaten vorgeworfen. HAKON MOSVOLD LARSEN / Kontributor

Diese Abfolge aus Eskalation und emotionaler Nähe verstärkt paradoxerweise die Bindung:

  • Nach einer Gewaltphase wirkt jede Form von Zuneigung besonders intensiv.
  • Das Opfer interpretiert diese Momente als „Beweis“, dass der Partner eigentlich ein anderer Mensch sei.
  • Die Hoffnung auf Veränderung stabilisiert die Beziehung.

Die psychologische Logik hinter dem Mitleid von der Frogner-Frau

Bemerkenswert ist die Aussage der Frau, sie habe „großes Mitleid“ mit Høiby und geglaubt, Liebe bedeute auch Vergebung und Kampf füreinander.

Solche Aussagen sind typisch für Beziehungen mit asymmetrischer Machtstruktur, das heißt, er hat Macht über sie, sie nicht. Das Opfer übernimmt in diesem Kontext emotional Verantwortung für den Täter.

Mitleid erfüllt dabei mehrere Funktionen:

  1. Selbstschutz: Wenn der Täter als „verletzter Mensch“ gesehen wird, erscheint die Beziehung weniger bedrohlich („Er hat ein schwieriges Leben, deshalb…“).
  2. Sinnstiftung: Das Leiden bekommt eine Bedeutung („Ich helfe ihm“).
  3. Bindungsrechtfertigung: Gefühle bleiben legitim.

Abhängigkeit als strukturelles Beziehungsphänomen

Aus systemischer Perspektive sind solche Beziehungen selten reine Täter-Opfer-Konstellationen. Sie sind vielmehr komplexe Abhängigkeitsbeziehungen, in denen emotionale, soziale und psychologische Faktoren ineinandergreifen.

Gerade wenn ein Partner, wie Marius als Stief-Sohn von Norwegens Kronprinz Haakon (52), über symbolische Macht verfügt – etwa sozialen Status, Charisma oder öffentliche Aufmerksamkeit – verstärkt sich diese Dynamik.

Der mutmaßliche Täter wird dann nicht nur zum Partner, sondern auch zur Projektionsfläche für Hoffnung, Anerkennung und Selbstwert.

Selbst im Gerichtssaal musste der Richter Marius untersagen, weiterhin so viel Blickkontakt zur Frogner-Frau aufzunehmen.

Selbst im Gerichtssaal musste der Richter Marius untersagen, weiterhin so viel Blickkontakt zur Frogner-Frau aufzunehmen. IMAGO / NTB

Warum Außenstehende diese Dynamik oft missverstehen

Die häufigste Frage aus dem Umfeld lautet: „Warum geht sie nicht einfach?“ Doch diese Frage unterschätzt die psychologischen Mechanismen solcher Beziehungen. Wer von außen auf eine Gewaltbeziehung blickt, sieht meist nur den Eskalationsmoment. Die Betroffenen selbst erleben jedoch eine lange Geschichte aus Nähe, Hoffnung, Loyalität und emotionaler Verstrickung.

Die Frogner-Frau braucht entscheidende Erkenntnis

Die Geschichte der Frogner-Frau zeigt ein zentrales Muster vieler destruktiver Beziehungen: Liebe verschwindet nicht automatisch durch Gewalt. Im Gegenteil: Innerhalb einer Macht-Ohnmacht-Spirale kann sie sich sogar verstärken. 

Wobei der Begriff „Liebe“ hier fälschlicherweise einer Missinterpretation unterliegt. Sowohl Täter als auch Opfer haben Liebe im wahrsten Sinne des Wortes vermutlich nie in ihrer Kindheit erfahren. Deshalb meinen sie, dass das, was der Partner für sie empfindet, Liebe wäre – was es definitiv nicht ist. Da es für die wahre Liebe keine Vorlage gibt, kein positives Ereignis, auf das sie zurückgreifen können, wird der Begriff falsch verwendet. 

Vielmehr handelt es sich um toxische Beziehungsmuster, die auf beiden Seiten durch einen Mangel an Liebe definiert sind: die Liebe einem Partner gegenüber und die Liebe sich selbst gegenüber. Einen geliebten Partner schlägt man nicht – und mit genügend Selbstliebe begibt man sich nicht in toxische Beziehungen.

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