Es geht um Asylpolitik: Feuer-Demos in den Niederlanden
Vermummte Demonstranten stehen am Freitagabend mit Pyros vor einem geplanten Asylzentrum in Apeldoorn
Apeldoorn/Loosdrecht (Niederlande) – Der Mob färbt den Nachthimmel in ein bedrohlich leuchtendes Rot. Vermummte Gestalten mit Pyros und Fackeln ziehen durch finstere Straßen und Gassen, ihr beängstigender Marsch durch Apeldoorn endet schließlich vor einem leer stehenden Gebäude. Sprengsätze explodieren, Steine fliegen: Wo Flüchtlinge in einem Asylaufnahmezentrum einquartiert werden sollen, entlädt sich die Wut der Bürger in teils gewaltsamen Protesten. Der Mob übernimmt die Macht über die Nacht.
Gut zwei Stunden lang wird am Freitagabend die Kleinstadt in der Provinz Gelderland zu einem rechtsfreien Raum. Erst um Mitternacht tauchen im Nebel schemenhaft die Silhouetten der Mobilen Einheit (ME) auf. Die Truppe der niederländischen Polizei kommt mit Helmen, Schildern und langen Schlagstöcken. Mit heruntergeklappten Visieren verjagen die Beamten in gepanzerten Uniformen die Randalierer.
Hier kommt die Mobile Einheit (ME) der niederländischen Polizei. Beamte mit langen Schlagstöcken und Schildern treiben Demonstranten in Apeldoorn am Freitagabend durch die Straßen
Die Büsche vor dem Asylzentrum in Loosdrecht brennen, die meterhohen Flammen drohen, auf das Gebäude überzugreifen
Mit Schild und Schlagstock rückt die Polizei in einer Kette gegen Demonstranten vor
Mob wirft Pyros auf Notunterkunft
Seit Tagen eskaliert in den Niederlanden die Wut der Bürger gegen die linksliberale Asylpolitik der Regierung von Ministerpräsident Rob Jetten (39, D66). Erschreckender Höhepunkt bislang: Am Dienstag schleuderten 400 teils gewaltbereite Demonstranten Pyros und Feuerwerk auf ein Asylzentrum in Loosdrecht. Sie fackelten eine Hecke unmittelbar vor dem Gebäude ab, hinderten anschließend die Feuerwehr am Löschen der meterhohen Flammen.
„Es ist absolut skandalös, wie eine Gruppe von Randalierern heute Abend in Loosdrecht Gewalt anwandte, Brände legte und Angst und Schrecken verbreitete. Sie dürfen Ihre Bedenken jederzeit äußern. Gewaltanwendung ist jedoch niemals akzeptabel“, schrieb der Ministerpräsident am Dienstagabend auf der Social-Media-Plattform Bluesky.
Ministerpräsident empört über Ausschreitungen
Seit Wochen laufen bereits Proteste in Loosdrecht. Unternehmer und Anwohner hatten zuvor gegen die Unterbringung der Asylsuchenden in dem Ort geklagt. Doch das Gericht lehnte die Klage ab. Die Begründung: Die humane Unterbringung der Migranten wiege schwerer als das Interesse der Bürger, bei der Entscheidung mitzureden. Wegen des heftigen Gegenwinds hatte die Gemeinde die geplante Kapazität bereits von 110 auf 70 Plätze reduziert.
„Loosdrecht sagt nein“, steht auf einem Banner, das Demonstranten am Zaun des Asylzentrums angebracht haben
Kritik gegen Vorgehen der Polizei
Doch auch seit den Ausschreitungen am Dienstag kommen die Bürger weiterhin jeden Abend zum ehemaligen Rathaus, um zu demonstrieren. Ab 18 Uhr dürfen jetzt nur noch Anwohner die Straße vor dem Asylzentrum betreten. Aber auch Kritik gegen das Vorgehen der Polizei wird laut. Der Vorwurf: Die Beamten würden oft nicht zwischen friedlichen und gewaltbereiten Demonstranten unterscheiden, willkürlich mit Schlagstöcken gegen die Menschen vorgehen.
Cora (58, r.) demonstriert in Den Haag friedlich gegen die Asylpolitik
In den Haag zogen mehrere hundert Menschen am Samstag friedlich durch die Straßen
„Ich mache mir Sorgen um die Zukunft meiner Kinder und Enkel“, sagt Cora (58) bei einer friedlichen Anti-Asyl-Demo in Den Haag, dem Ort des Regierungssitzes der Niederlande, zu BILD. Die Seniorin über ihre Sorgen: „Wir fühlen uns von der Regierung nicht gehört und nicht verstanden. Die Grenzen sind offen, die Sicherheit leidet. Und man nimmt uns unsere niederländische Kultur weg, das macht uns Angst. Ich habe kein Problem, Menschen aufzunehmen, die Hilfe brauchen. Aber zu viele nutzen unser System aus.“
Wütende Demonstranten laufen Freitagnacht durch Apeldoorn. Neben vermummten Männern ziehen auch Frauen bis zum Asylzentrum der Stadt
BILD-Chefreporter Sebastian Prengel bei den Unruhen in Apeldoorn. Im Hintergrund Einsatzkräfte der niederländischen Polizei
Bürgermeister räumt Fehler ein
Der Bürgermeister der Gemeinde Wijdemeren, zu der Loosdrecht gehört, räumt mittlerweile Fehler ein. „Letzten Monat haben wir als Gemeinde beschlossen, bis zu siebzig Asylsuchende vorübergehend in unserem Rathaus unterzubringen. Über die Schnelligkeit dieser Entscheidung und die Kommunikation wurde bereits viel gesagt. Die Bürger wurden davon überrascht, das hätte anders gehandhabt werden können und sollen.“
Am Samstagabend haben Bürgermeister verschiedener Städte wie Den Haag und Apeldoorn bereits genehmigte Demonstrationen vor Asylzentren kurzfristig verboten. An mobilen Checkpoints fischten ME-Beamte potenzielle Gewalttäter frühzeitig ab. Die Polizei hat vorerst wieder die Macht über Nacht.
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