Martina Bogdahn eroberte mit zwei Romanen gleichzeitig die „Spiegel”-Bestsellerliste. Und das, obwohl sie niemals zuvor ein Buch geschrieben hat.
Von Peter Wilhelmssohn
Ihr gelang ein Kunststück, das in Deutschland bisher nur Star-Autoren wie Sebastian Fitzek oder Charlotte Link gelungen ist. Martina Bogdahn (50) eroberte mit zwei Romanen gleichzeitig die „Spiegel”-Bestsellerliste. Und das, obwohl sie niemals zuvor ein Buch geschrieben hat. Es ist die ungewöhnliche Karriere einer Schriftstellerin, die den Stoff für ihre Romane offenbar in ihrem eigenen Leben fand.
Manchmal muss man im Leben bis auf den Grund sinken, damit man sich mit voller Kraft wieder nach oben stoßen kann. Um dann festzustellen: Die Sonne, sie scheint ja auch für mich. Auftauchen, wenn man glaubt, es geht nicht mehr: Damit beginnt das neue Buch „Mirabellentage“ von Martina Bogdahn. Zufall oder nicht? Diese Szene steht sinnbildlich auch für die Geschichte der Bestseller-Autorin.
Martina Bogdahn: „Dass man sein Geld mit etwas wie dem Schreiben verdienen kann“…“
„Lange war ich der Meinung, dass man ein Buch nicht einfach mal so schreiben kann“, sagt Martina Bogdann zu BUNTE. Aber es kam anders. Ihr erster Roman „Mühlensommer“ war der Überraschungserfolg 2024 auf der Bestsellerliste, auch ihr neues Buch „Mirabellentage“ ist vor wenigen Tagen sofort hoch eingestiegen. Überrascht hat sie das vor allem selbst. „Denn dass man sein Geld mit etwas wie dem Schreiben verdienen kann, war lange nicht zu begreifen“, sagt sie. „Vor allem nicht für ein Mädchen vom Lande, so wie ich eines bin.“
Aufgewachsen ist Martina Bogdahn auf einer der letzten verbliebenen Mühlen im fränkischen Seenland südlich von Nürnberg. Umgeben von alten Bäumen und duftigen Wiesen liegt die Mühle wie auf einer Insel inmitten der absoluten Idylle. „Ja, es ist schon eine herrliche Insel“, sagt Bogdahn, „aber eben auch eine Art Käfig.“ Denn für ein neugieriges Mädchen wie sie es war, gibt es in der Einöde wenig Möglichkeiten, Neues zu entdecken.
Die weite Welt findet sie in der Literatur. Nach jedem Sonntagsgottesdienst steuert Bogdahn die Bücherei an. „Leider durfte man immer nur drei Bücher auf einmal ausleihen.“ Deswegen zieht sich sie immer die drei dicksten aus dem Regal. „Der Inhalt war egal. Hauptsache, es hatte richtig viele Seiten!“, erzählt sie und lacht mitreißend. Ihre Wissbegier zahlt sich aus: Sie wird das einzige Mädchen aus der Region, dass von einem Bauernhof kommt und aufs Gymnasium gehen darf. Die Grundschullehrerin hatte es den Eltern mit viel Nachdruck und gegen jeden Zweifel empfohlen.
Nach der Schulzeit will Bogdahn die Welt jenseits der bekannten Insel entdecken, die vielen Bücher reichen längst nicht mehr aus. Und dann ist da noch ihr ganz eigener Wunsch: „Ich wollte unbedingt mal in einer Straße leben, in der es keinen einzigen Baum gibt“. Vom Grün hat sie erst einmal genug. Also zieht die zierliche Frau mit den langen, blonden Haaren nach Nürnberg, die große Stadt in gefühlt weiter Ferne, um Fotografie zu studieren. Menschen und ihre Geschichten vor der Kamera haben es ihr dabei besonders angetan. Prominente wie Michael Mittermeier, Marianne Sägebrecht, Maxi Schafroth, Luise Kinseher und Willy Astor posieren vor ihrer Linse. Daneben arbeitet sie als freie Fotografin in München für bekannte Modemarken, heiratet und wird Mutter von drei Söhnen.
„Was ist das nur für ein Glück”
Auf die Idee, ein Buch zu schreiben, bringt sie schließlich der befreundete Musiker und Autor Thees Uhlmann – weil sie doch so schön erzählen könne. „Aber ich habe ja noch nie etwas geschrieben“, so Bogdahn über ihre Zweifel damals. Als sie mit Freundinnen vor vier Jahren dann einen Auftritt von Uhlmann besucht, der in München eines seiner Bücher vorstellt, sagt er auf der Bühne: „Es ist nichts so schön, wie ein Buch zu schreiben. Und deswegen sage ich es vor allen: Die Martina Bogdahn schreibt jetzt auch eins“. Wie peinlich, denkt sie, – und setzt sich abends an den Schreibtisch.
Ein Verlag erkennt auf Anhieb ihr Potential, „die richtigen Personen an der richtigen Stelle im richtigen Moment treffen: Was ist das nur für ein Glück, wenn jemand etwas in einem erkennt, von dem man zu dem Zeitpunkt selbst noch nicht weiß, dass man es in sich trägt?“ Wie die Protagonistin in ihrem neuen Buch erkennt sie zu diesem Zeitpunkt: Die Sonne scheint ja auch für mich. Es wird Bogdahn viel Zeit kosten und Mut fordern, eine Seite nach der andern zu füllen. Ein enormer Kraftaufwand, aber es zahlt sich aus.
Ihr Erstling „Mühlensommer“, der autobiografische Züge trägt, erzählt von einer Frau, die von daheim weggeht, um wieder an den Ort ihrer Kindheit zurückzukehren. Die Kritiker sind begeistert, das Magazin „Der Spiegel” schwärmt, wie sehr man es der Autorin anmerke, dass sie eben wisse, wie das Leben auf dem Land ist: „Sauanstrengend und sauschön“. 18 Wochen lang steht das Buch auf der Bestsellerliste unter den Top 20, die frischgebackene Autorin liest das Hörbuch selbst ein und zwanzig Monate lang reist Bogdahn dann durch ganz Deutschland, um in voll besetzten Häusern daraus vorzulesen. Und zu singen, denn ja: Das kann das charmante Ausnahmetalent auch. In diese Zeit fällt allerdings nicht nur eine berufliche Neuausrichtung ihres Lebens, sondern auch die Trennung von ihrem Mann. Plötzlich geht es nicht mehr darum, ihre Familie zusammenzuhalten, sondern aus dem Stand ein neues Leben anzufangen. Eines für das sie plötzlich ganz allein aufkommen muss.
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Martina Bogdahn erzählt in „Mirabellentage“ vom Glück des Loslassens
Die Zweifel, ob sie überhaupt ein Buch schreiben kann, begleiten sie bis heute. Dennoch hat Bogdahn gerade ihr zweites Buch vorgelegt, das bereits ebenso viel Erfolg verspricht wie ihr Erstlingswerk. In „Mirabellentage“, das in dem fiktiven Ort Blumfeld unweit der Mühle aus „Mühlensommer“ spielt, möchte die Haushälterin des Pfarrers, Anna Nass, ihrem geschätzten Arbeitgeber und Wegbegleiter nach seinem Tod einen letzten Wunsch erfüllen: Anstatt im Familiengrab auf dem Dorf beigesetzt zu werden, vertraut ihr der Pfarrer in seinen letzten Stunden an, dass er sich eine Seebestattung in der Nordsee wünscht. Den erfüllt ihm die herzliche Heldin des Romans gern, auch wenn sie dafür viele Hürden umschiffen muss, bürokratisch wie persönlich.
Martina Bogdahn erzählt in „Mirabellentage“ vom Glück des Loslassens und dass man sich manchmal einfach trauen muss, ins kalte Wasser zu springen. Entstanden ist ein Mut machendes, versöhnliches Buch, liebevoll und voller Witz, und damit der perfekte Gegenentwurf zu den aktuellen Krisen dieser Welt. „Ich weiß heute, dass es gar nicht darum geht, wo man eigentlich wohnt. Sondern dass es einen Ort gibt, an den man sich geborgen und gesehen fühlt, an den man immer wieder zurückkehren kann“, sagt Martina Bogdahn. So wie die alte Mühle aus ihrer Kindheit, aber auch wie dieser eine Ort tief in ihr selbst. Denn von dort aus kommt man schließlich am besten wieder Richtung Oberfläche.
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