Da ist er, dieser peinliche Augenblick: Man wird rot, stammelt etwas. Es entsteht ein Moment, in dem das Loch im Boden gar nicht groß genug sein kann, um darin zu verschwinden. Nur ist da ja gar keins. Die Abwesenheit von Löchern zum Darin-Verschwinden heißt Scham, und sie ist ein wesentlicher Teil unseres sozialen Lebens. Menschen sind in der Lage zu lernen, damit umzugehen – oder sie entwickeln eine Sozialphobie. Scham ist immer unangenehm, aber sie ist immer auch eine Eintrittskarte ins Menschsein.
Früher war Scham ein Gefühl. Heute ist sie ein Geschäftsmodell. Ein ganzer Wirtschaftszweig lebt inzwischen davon, Menschen davor zu bewahren, das zu tun, was Menschen seit Jahrtausenden tun: miteinander sprechen, flirten, streiten, sich lieben, Sex haben.
Die 68er proklamierten Sex als Befreiung, als Widerstand gegen die gesellschaftliche Konvention. Heute braucht es für Sex vielleicht noch physische Reibung, echte zwischenmenschliche Friktion wird lieber ausgeschlossen.
Wer Angst vor Einsamkeit hat, bekommt soziale Medien – und wird noch einsamer. Wer Angst vor Zurückweisung hat, bekommt Dating-Apps – und swiped so lange mit Optimierungswunsch durch potenzielle Partnerinnen und Partner, dass der Weg zum Ziel wird. Wer Angst vor direkter Kommunikation hat, braucht nicht mehr zu sprechen, sondern kann texten und Emojis verschicken.



