„Kann ein Riesengewinn für uns sein“

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Nikolas Nartey nimmt beim VfB Stuttgart derzeit eine kuriose Rolle ein. Zum einen ist er bei den Schwaben die wohl größte Entdeckung der laufenden Saison. Gleichzeitig ist der 25 Jahre alte Mittelfeldspieler einer der dienstältesten Profis im Kader. Dass der Durchbruch, der im 3:2-Siegtreffer gegen Eintracht Frankfurt am Dienstag seinen vorläufigen Höhepunkt fand, erst mit vielen Jahren Verspätung gelang, liegt an einer nahezu unvergleichlichen Verletzungsgeschichte – und wurde nur durch das Vertrauen des Bundesligisten möglich.
Nartey wechselte im Sommer 2019 vom 1. FC Köln nach Stuttgart. Als 19-Jähriger hatte er bereits zwei Einsätze bei den Effzeh-Profis auf dem Konto, war dänischer Junioren-Nationalspieler und sollte diese Entwicklung beim VfB fortsetzen. Zunächst ging es aber per Leihe zu Hansa Rostock in die 3. Liga und anschließend zum SV Sandhausen in die 2. Bundesliga. Nartey machte jeweils einen guten Eindruck und durfte in der Saison 2021/22 erstmals mit dem Stuttgart-Kader in die Saison starten.
Doch schon zu Saisonbeginn wurde der 1,86 Meter große Linksfuß von einer Corona-Infektion ausgebremst und musste die ersten sechs Spiele zusehen. Erst am 7. Spieltag feierte er gegen die TSG Hoffenheim (3:1) sein Debüt, eine Woche später stand er beim Auswärtsspiel gegen Borussia Mönchengladbach (1:1) in der Startelf und kam im Anschluss regelmäßig zum Einsatz. Zum Ende der Hinrunde machten ihm jedoch Knieprobleme zu schaffen, die schließlich in einer Knie-Operation im Februar mündeten. Der Start einer langen Leidenszeit mit vielen Rückschlägen.

Was in den nächsten Monaten und Jahren folgte, war ein sich immer wiederholendes Bild. Nartey kämpfte sich nach einer schweren Verletzung zurück und ließ sein Können meistens eher kurz als lang aufblitzen, ehe ihm sein Körper erneut zu schaffen machte. Nach der Knie-Operation 2021/22 folgten im Jahr darauf eine Bänderverletzung, ein Muskelfaserriss, Adduktorenbeschwerden und eine Verletzung an der Bauchmuskulatur.
Unter dem neuen Trainer Sebastian Hoeneß kam Nartey in der Relegation 2023 gegen den Hamburger SV in beiden Spielen zum Einsatz und wollte nach der Sommerpause wiederholt angreifen. Stattdessen machte ihm aber ein Knorpelschaden im Knie zu schaffen, der ihn – gepaart mit Oberschenkelproblemen im Anschluss – fast zwei Jahre außer Gefecht setzte. Erst am 34. Spieltag der vergangenen Saison feierte Nartey sein Comeback beim 3:2 gegen RB Leipzig, als er in der 69. Minute eingewechselt wurde. Insgesamt fehlte er seit seinem Wechsel in über 100 Spielen verletzungsbedingt.
VfB Stuttgart hielt Nartey die Treue: „Eindrucksvoll zurückgekämpft“
Bei dieser Verletzungshistorie und nur 23 Einsätzen in sechs Jahren hatte der VfB Stuttgart im vergangenen Sommer also auf den ersten Blick wenig Grund, an Nartey festzuhalten. Der bis 30. Juni 2025 gültige Vertrag wurde fünf Tage vor Ablauf aber dennoch um eine weitere Saison verlängert. Schon 2022 hatte man sich mit dem Mittelfeldspieler kurz nach dessen Knie-Operation auf ein neues Arbeitspapier geeinigt.
„Niko ist auf und neben dem Platz eine Bereicherung für unseren Kader. Dank seiner fußballerischen Fähigkeiten ist er auf mehreren Positionen einsetzbar, seine Einstellung ist vorbildlich. Mit großem Ehrgeiz und viel Energie hat sich Niko nach seiner langen Verletzungspause eindrucksvoll zurückgekämpft, wir freuen uns, dass wir Niko weiter an den VfB binden konnten“, sagte Sportvorstand Fabian Wohlgemuth damals. Und das Vertrauen sollte sich auszahlen.
In der laufenden Saison stand Nartey schon siebenmal in der Startelf und kommt wettbewerbsübergreifend auf 681 Minuten – mehr als in jeder anderen Spielzeit zuvor. Und das obwohl die VfB-Offensive mit Namen wie Bilal El Khannouss (21), Jamie Leweling (24), Deniz Undav (29), Ermedin Demirovic (27), Chris Führich (28), Tiago Tomás (23) und Badredine Bouanani (21) auch in der Breite sehr gut besetzt ist.
Gegen Frankfurt kam Nartey in der 59. Minute als erster Einwechselspieler von der Bank und war zunächst blass. „Um ehrlich zu sein war ich heute gar nicht so zufrieden mit seiner Einwechslung“, sagte Hoeneß auf der Pressekonferenz nach dem Abpfiff mit einem leichten Schmunzeln. Den Bankplatz trotz guter Leistung am Samstag gegen Bayer 04 Leverkusen (4:1) erklärte der Coach mit der Verletzungshistorie. „Wir wollen ihn da gut steuern. Er hatte heute eine Kleinigkeit, die ihn vielleicht auch beschäftigt hat. Wir müssen behutsam mit ihm umgehen.“ Denn schließlich soll Nartey auch im Saisonendspurt eine wichtige Rolle einnehmen. „Wir haben jetzt alle gesehen, dass er ein Riesengewinn für uns sein kann, wenn er fit ist und frei spielen kann.“
Nartey selbst war nach seinem ersten Treffer für die VfB-Profis vor allem dankbar. „Das war ein geiles Gefühl und ich bin sehr happy über das Tor. Das waren einfach viele Emotionen und ich habe keine Ahnung, was ich beim Torjubel gemacht habe. Ich habe hart gearbeitet und immer an mich geglaubt. Ich habe einen Trainer, der viel Vertrauen in mich hat und immer an mich geglaubt hat.“ Vertrauen, dass womöglich bald die Tür für eine erneute Vertragsverlängerung aufmachen dürfte.



