Synthesia: Bewertet mit vier Milliarden Dollar – Avatare schulen Mitarbeiter
Avatar Helena von Synthesia: KI-Helfer etwa für das Mitarbeiter-Onboarding. Foto: Synthesia
Düsseldorf. Die Londoner Firma Synthesia hat weitere 200 Millionen Dollar, umgerechnet knapp 169 Millionen Euro, eingesammelt. Einschließlich dieses Geldes bewerten Investoren das Start-up nun mit vier Milliarden Dollar, knapp 3,4 Milliarden Euro. Damit dürfte der Spezialist für Videogenerierung zu den zehn wertvollsten Jungunternehmen für Künstliche Intelligenz (KI) in Europa zählen.
Mit dem frischen Geld will Synthesia künftig ein neues Marktsegment erschließen: „Der nächste Schritt für Synthesia sind Videos, mit denen Sie ein Gespräch führen können“, sagt Mitgründer und CEO Victor Riparbelli dem Handelsblatt. Den ersten Anwendungsfall sieht er in sogenannten Avataren, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Vertrieb auf neue Aufgaben vorbereiten und dabei wie virtuelle Trainer fungieren.
Mit solchen interaktiven Videos bietet Synthesia seinen Kunden künftig ein Produkt an, das ohne den Entwicklungsschub bei generativer KI gar nicht hätte entstehen können. Die Fähigkeit großer Sprachmodelle, Text und Kontext zu verstehen, macht individuelle Reaktionen der Technologie für ihre Nutzer erst möglich.
Positioniert sind die Londoner für den Start dieser neuen Produktkategorie offenbar gut: Synthesia zählt zu den Vorreitern bei KI-Avataren und scheint ihrem US-Wettbewerber HeyGen enteilt zu sein. Die Firma aus Los Angeles soll derzeit bei einer Bewertung von einer halben Milliarde Dollar stehen.
Doch in einem Markt, der gerade erst entsteht, könnte die Konkurrenz künftig auch von ganz anderen KI-Firmen kommen. Wie gut sich das Geschäftsmodell dauerhaft gegen Wettbewerber wie die KI-Videomodell-Entwickler Google oder Runway verteidigen lässt, wird sich noch zeigen.
Synthesia integriert in sein Produkt unter anderem die Grundlagentechnologie von Google und ChatGPT-Entwickler OpenAI, um Videos zu generieren. Dabei stellt sich einerseits die Frage: Könnten diese Modellentwickler den Markt für interaktive Videos künftig auch selbst bedienen? Und andererseits: Können Nutzer die Grundlagenmodelle künftig vielleicht auch selbst mit wenig Aufwand für ihre Zwecke anpassen?
SAP, Merck, Bosch: Synthesia hat namhafte Kunden in Deutschland
Fest steht: KI-Werkzeuge wie Claude Code von der US-Firma Anthropic vereinfachen das Programmieren von Spezialanwendungen immer weiter und bedrohen damit ein ganzes Segment von Start-ups, das zwischen Grundlagenmodellen und Endnutzern seinen Markt sucht.
In der Start-up-Szene ist der Annual Recurring Revenue (ARR) eine beliebte Kenngröße, um junge und schnell wachsende Firmen zu vergleichen. Der Berliner Spezialist für KI-basierte Voice-Bots, die etwa in Callcentern eingesetzt werden könnten, erreichte bei einem jährlich wiederkehrenden Umsatz von 50 Millionen Dollar jüngst eine Bewertung von drei Milliarden Dollar.
Drei Milliarden Dollar: Berliner Einhorn verdreifacht Bewertung – in nur acht Monaten
Investoren wie der Risikokapitalgeber GV (ehemals Google Ventures), der die neue Finanzierungsrunde anführt, dürften auch die Kundenbasis von Synthesia als starkes Signal werten. Synthesia macht seinen Umsatz nämlich mit namhaften Konzernen: In Deutschland ist die Technologie der Londoner etwa beim Softwarekonzern SAP, beim Pharmaunternehmen Merck und beim Autozulieferer Bosch im Einsatz.
Bisher nutzen Unternehmen Synthesia vor allem für die Erstellung von Videos. Künftig sollen sie Mitarbeitern auch Schulungen als virtuelle Rollenspiele anbieten: „Der Agent gibt vor, der Kunde zu sein“, sagt CEO Riparbelli.
Victor Riparbelli: Der CEO und Mitgründer von Synthesia sucht vor allem Konzerne als Kunden. Foto: Synthesia
„Als Vertriebsmitarbeiter müssen Sie also Einwände überwinden, beantworten, warum Ihr Projekt besser ist als das der Konkurrenz und so weiter“, erklärt er. Anschließend bekämen die Nutzer ein Feedback – und auch das Management könne auf Auswertungen zugreifen, um den Wissensstand des Vertriebsteams zu überprüfen.
Bei Merck wird die Technologie von Synthesia bereits seit zwei Jahren getestet. Seitdem habe das Unternehmen eine vier- oder fünfstellige Zahl von Videos erstellt, sagt deren Chief Data & AI Officer Walid Mehanna dem Handelsblatt.
Das Unternehmen nutze die KI-generierten Videos vor allem für interne Schulungen und Kommunikation und um schnell Übersetzungen in verschiedenen Sprachen anzubieten. Jüngst habe Merck mit Synthesia einen Dreijahresvertrag für eine Enterprise-Lizenz geschlossen, sagt Mehanna.
„Synthesia ist ein tolles europäisches Unternehmen“, sagt der KI-Experte. Vor dem Vertragsabschluss hat Merck nach seiner Angabe auch die Technologie von Wettbewerbern getestet.
„Als deutsches Unternehmen ist uns besonders wichtig, dass wir sicherstellen können, dass die Avatare nicht missbraucht werden können und keine Täuschungen entstehen“, erklärt er. So können Unternehmen mit der Technologie etwa Avatare von konkreten Personen erstellen, das habe Merck etwa für seine Vorstände bei Synthesia ausschließen können.
Auch neue interaktive Funktionen sollen bei Merck nun getestet werden, insbesondere im Hinblick auf die korrekte Wiedergabe von Unternehmenswissen und sogenannte Halluzinationen. So werden Falschaussagen von KI-basierten Tools genannt, die sich bisher nicht vollständig ausschließen lassen.
Die Idee von interaktiven Videos hält Mehanna für „bestechend“. „Die Simulation von Kundengesprächen ist ein Anwendungsfall, von dem wir uns Nutzen erhoffen“, sagt er. Ob das Produkt sich dann durchsetze, werde auch von der Akzeptanz in verschiedenen Unternehmensbereichen abhängen.
Kann sich Synthesia als eigenständiges Unternehmen am Markt etablieren?
Riparbelli und seine Mitgründer, zu denen auch Informatikprofessor Matthias Nießner von der Technischen Universität München zählt, glauben offenbar fest an ihre Chance, sich mit solchen Produkten als eigenständiges und global führendes Unternehmen auf dem Markt etablieren zu können. So soll es im vergangenen Jahr zwar Übernahmeverhandlungen mit dem US-Softwarekonzern Adobe gegeben haben.
Diese scheiterten laut „The Information“ aber an unterschiedlichen Preisvorstellungen. Im Raum stand ein Kaufangebot über drei Milliarden Dollar.
Ob die Entscheidung gegen diesen Deal aus finanzieller Sicht richtig war, wird sich erst bei einem Verkauf oder einem Börsengang zeigen. Angesichts der hohen Bewertungen für KI-Start-ups und anhaltende Spekulationen um ein Platzen der KI-Blase scheint diese Frage völlig offen zu sein.
Erstpublikation: 26.01.2026, 10:04 Uhr.


