Frau Lehmann, Labrinth, Geologist, Tyler Ballgame: Abgehört

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Indierockband Frau Lehmann: Melancholie und mehr

Indierockband Frau Lehmann: Melancholie und mehr


Foto: Claudia Helmert

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Album der Woche:

Frau Lehmann – »Trost & Trotz«

»Eat the rich!« ist jetzt nicht die originellste Parole im Punk, sie wird schon seit dem 18. Jahrhundert und den ersten revolutionären Zuckungen der Aufklärung geschwungen. Aber was ist schon noch originell? Sicher nicht der hübsch melodische, charmant verschrammelte Indierock, den Frau Lehmann auf ihrem Debütalbum spielen. Und das wissen die aus Leipzig stammenden Musiker auch.

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»Es ist die alte Leier/ Ein dir wohlbekanntes Lied/ Du hast es schon gesungen/ Lang bevor ich’s schrieb«, singt Fiona Lehmann im lakonischen Singsang. Dazu erklingt ein burlesker Sixties-Folksound mit Mundharmonika, der wohl den frühen Bob Dylan aus den Büschen des langen, nicht enden wollenden Waldwegs hervorlocken will, den die Sängerin und ihr Gitarrist in Bohemian-Mänteln und lustigen Riesenfellhandschuhen beschreiten: Indierock mit Protesthaltung, dessen Gesten, Rituale und Klänge, all das mag nicht mehr die modernste aller Widerstandskulturen sein, aber die Nöte der Protagonisten und Publika bleiben halt dieselben, eine Generation nach der anderen. Solange der Kapitalismus blüht, wuchert und gedeiht, muss sich das mittellose Künstlerproletariat halt widerständig durch die Dornenhecken und -büsche schlagen, am liebsten mit Gitarrenäxten und lyrischen Macheten.

Vor allem letztere beherrscht die namensgebende Frau Lehmann so gut, dass man »Trost & Trotz« schon jetzt als eines der essenziellen deutschen Popalben des Jahres bezeichnen darf. Ihren hintersinnigen Duktus leiht sie bei Vorbildern wie Dirk von Lowtzow, ihre ins Weibliche, postfeministisch gedrehte Slacker-Pose von Sven Regeners »Herr Lehmann«. 2024 erschien ihr Debütroman »Oktober okay«.

So steigt aus den Ruinen von Indierock und Popliteratur der Neunziger- und Nullerjahre eine zeitgeistwirksame neue Indierockband, die merkt, dass es nicht mehr ausreicht, sich in den alten, langsam austrocknenden Distinktions- und Selbstmitleidspfützen zu suhlen. »Berliner Pflaster« beschreibt zwar noch den beschwerlichen Alltag in der Resignation (»Ich fühl’ nichts mehr/ Und es bleibt auch dabei«) oder das Verschwinden jeglicher Lust in »Ausgetrocknet« (»Meine Muschi ist so trocken/ Und die Wüste ist es auch«), doch bereits in »Melancholia« deutet sich eine Veränderung an: »Ich ging gestern ins Kino/ Programmkino, na klar/ Die anderen wollten Fun/ Ich wollte Béla Tarr/ Mir war alles so egal/ Und ich hielt es/ Für vollkommen normal«, berichtet Fiona Lehmanns Protagonistin aus dem Arthouse-Fauteuil ihres Großstadtexistenzialismus. »Doch etwas fehlt/ Ich fühl’ mich unvollkommen/ Fast wäre ich mir selber knapp entkommen«, entfährt es ihr, als sie merkt, dass sich die Melancholie, in der sie sich so bequem eingerichtet hat, verflüchtigt hat. Schockschwerenot! »Auf dich war doch sonst immer noch Verlass.«

Hier kommt dann der »Trotz«-Teil des Albums zum Tragen und das »Eat the rich«-Moment ins Spiel. »DLF Kultur will, dass wir brennen« ist nicht nur ein zentrales Songpamphlet des Albums, sondern auch ein Stück, das ganz offensichtlich und schamlos für Kritikerhände geschrieben wurde, so griffig ist es.

Anlass für die ätzende Tirade über die Untauglichkeit der Band für staatliche Fördermittel (»Initiative Musik haben wir nicht gekriegt/ Musicboard Berlin können wir nicht beziehen«) war offenbar eine Diskussion im Deutschlandradio Kultur, bei der es darum ging, dass echte Rockstars schlicht nicht nebenbei arbeiten dürften, das zerstöre den künstlerischen Hunger. »Potenzial heißt eben Qual«, singt Lehmann, »ich soll mich vermarkten, nicht vermehren«. Der prosaische Umkehrschluss: »Und wenn wir nichts zu essen haben/ Dann essen wir die Reichen«.

Da rumpelt, trommelt, schrammelt und klampft die alte Leier des Rock- und Pop-Prekariats wieder so unverschämt, ungestüm und laut, als wären The Who, The Kinks und The Tocos nie alt oder älter geworden. Wir wollen Teil dieser Jugendbewegung sein! (9.0/10)

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Kurz Abgehört:

Labrinth – »Cosmic Opera Act I«

Oper ist das neue große Ding im Pop, aber nur, wenn man Oper auch wirklich kann. So wie die göttliche Rosalía, deren »Lux« das mit Abstand beste Album ist , das von 2025 bleibt. Auch wenn Ignoranten immer noch versuchen, dieses Großkunstwerk  klein und verächtlich zu machen. Anlass dazu böte vielmehr der britische Rapper Labrinth, der dadurch bekannt ist, dass er die Soundtracks zur Hit-Serie »Euphoria« komponiert und dafür Preise gewonnen hat.

Da diese Scores zumeist eher sakrale, elektronische Hintergrundmusik sein dürfen, neigt er auf seinen eigenen Alben umso mehr zu Theatralik, die aber leider oft in Kitsch und Bombast verpufft. Im ersten Akt seiner »Cosmic Opera« soll es laut Künstler gewichtig um die »therapeutische Erforschung von psychischen Erkrankungen, Paranoia und dem Streben nach Erfolg in der Unterhaltungsindustrie« gehen – als hätte The Weeknd das nicht alles gerade erst auf einer Blockbuster-Trilogie (plus Gruselfilm) verhandelt. Oder Labrinths Rap-Kollege Ren mit seinem tatsächlich opernwürdigen – und sehr berührenden – Album »Sick Boi« .

Das Labrinth-Libretto jedoch (»I’m running like a bitch from my zeitgeists/ I’m tryna get a hold of my insides«) bleibt eher als komische Oper im Gedächtnis. Dabei ist es ganz niedlich, wenn sich der Sci-Fi-Fan in »S.W.M.F.« zur Erlöserfigur Luke Skywalker aufschwingt: »Star Wars, motherfucker«, ruft er dann immer wieder, als wäre allein schon die Beschwörung der populären Sternensaga genug, um auch sein Werk in höchste Höhen zu heben. Nope. (5.0/10)

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Geologist – »Can I Get a Pack of Camel Lights?«

Immer nur an Knöpfen zu drehen, wird irgendwann langweilig. Zur Abwechslung könnte man Zigaretten drehen, wenn die Camel Lights mal wieder alle oder zu teuer sind – oder halt an der Kurbel eines altertümlichen, komplett analogen Instruments. Das mag sich Brian Weitz alias Geologist gedacht haben – seit einigen Jahren betätigt er sich bei Live-Auftritten als begeisterter Drehorgel-Amateur. Weitz ist hauptberuflich der Elektro Arrangeur und -Ingenieur bei der Experimentalpop- und Postrockband Animal Collective aus Baltimore. Falls jemand das Kollektiv schon mal im Konzert gesehen hat: Weitz ist zumeist der hinten auf der Bühne mit der Bauarbeiter-Stirnlampe.

Er ist das letzte Mitglied der seit 1999 aktiven US-Band, das ein Solo-Album vorlegt. Die Hauptrolle in den zehn schön verschrobenen Instrumental-Stücken spielt nun eben jene Drehleier, auf Englisch auch als Hurdy Gurdy und für ihren dudelsackartigen Drone-Klang bekannt. Das erzeugt ein wunderbar bekifftes Late-Sixties-Gefühl, etwa in »Oracle Road«, greift auch mal beherzt ins widerspenstige Klangkraut von New Yorker Jazz-Noise (»Rv Entry«), taugt aber auch für Balladen wie »Shelley Duvall«, offenbar eine schüchterne Hommage an die verstorbene »Shining«-Schauspielerin. Wenn das Drehgewaber und Gedröhn dann aber, unter anderem in »Government Job« mal in den Hintergrund rückt, zugunsten von Drum- und Synthesizer-Grooves, ist man auch nicht sooo böse. (7.5/10)

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Tyler Ballgame – »For The First Time, Again«

Oh, Roy Orbison ist auferstanden! Naja, zumindest wirkt es in gleich einigen Songs dieses Debüts so, als ob der früh verstorbene Über-Crooner durch den Leib von Tyler Ballgame gechannelt würde. Der heißt eigentlich Tyler Perry, stammt aus Rhode Island und bildete seine mächtige Tenorstimme am Berklee College aus. Dort erkannte man zwar sein Popstar-Potenzial, aber der recht massige Perry litt unter einer körperdysmorphen Störung, also der übermäßigen, obessiven Beschäftigung mit körperlichen Makeln. Die führte dazu, dass er sich zunächst jahrelang im Haus seiner Eltern verschanzte, bevor er schließlich nach Venice Beach zog und dort eine Karriere als Coversänger in lokalen Clubs startete.

Sein berührendes Timbre in Songs wie »Sing How I Feel« erzählt nun viel von dieser Leidensgeschichte, und auch bei Live-Auftritten soll der Sänger eine umwerfende, emotionale Wucht entfalten. Auf seinem Album jedoch wird ein eklatanter Mangel an guten eigenen Songs deutlich, was die Euphorie über diesen stimmgewaltigen Newcomer etwas bremst. Allzu vieles in dieser vielleicht auch zu braven und domestizierten Mischung aus Orbison-Baladerie, Westcoast-Rock und Bowie-Verbeugungen klingt nach Altbekanntem oder verfügt nicht über Pop-Hooks, die im Gedächtnis blieben. Kann ja noch werden, zur Not halt, keine Schande, mit anderer Leute Lieder. Ist ja nicht jeder ein Doppelbegabter wie Orbison. (6.0/10)

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Wertung: Von »0« (absolutes Desaster) bis »10« (absoluter Klassiker)

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