Klimaneutralität: So könnte Saudi-Arabien Deutschlands Wasserstoff-Pläne retten

Klimaneutralität: So könnte Saudi-Arabien Deutschlands Wasserstoff-Pläne retten

  1. Startseite

  2. Politik

  3. Deutschland

Klimaneutralität: So könnte Saudi-Arabien Deutschlands Wasserstoff-Pläne retten

Die Öl-Exportnation will mit grüner Energie eine Einnahmequelle für die Zukunft schaffen. Deutschland könnte das beim Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft helfen. Doch problemlos ist das nicht.Klaus Stratmann, Inga Rogg 01.02.2026 – 13:54 Uhr
Artikel anhören

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) in Riad mit Energieminister Prinz Abdulaziz bin Salman Al Saud (r.): Die Kooperation mit Saudi-Arabien kann auch Deutschlands Industrie weiterhelfen. Foto: Elisa Schu/dpa

Riad, Istanbul. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) will mit der Unterstützung von Unternehmen aus Saudi-Arabien die Wasserstoffwirtschaft in Deutschland voranbringen. Anlässlich der Reise Reiches nach Saudi-Arabien unterzeichneten deutsche Unternehmen am Sonntag entsprechende Vereinbarungen mit Unternehmen des Landes am Golf.

Reiche sagte, mit der Energiepartnerschaft erreiche man ein neues Level der Zusammenarbeit in allen Energiefragen. Die Vereinbarungen der Unternehmen deckten zentrale Zukunftsfelder ab, insbesondere im Bereich Wasserstoff.

Die Bundesregierung braucht beim Thema Wasserstoff dringend Erfolge. Deutschland hat sich in der Nationalen Wasserstoffstrategie ambitionierte Ziele für den Aufbau einer kompletten Wasserstoff-Wertschöpfungskette gesetzt. Doch diese Ziele liegen in weiter Ferne.

Das gilt insbesondere für den Aufbau der heimischen Produktion von grünem Wasserstoff. Vor dem Hintergrund dieses sogenannten Hochlaufs gewinnt der Import von klimaneutralem Wasserstoff an Bedeutung. Saudi-Arabien könnte dabei gemeinsam mit anderen Ländern der Region eine Schlüsselrolle spielen.

Unternehmen einigen sich auf Investition für eine Anlage in Rostock

Teile der deutschen Industrie sind auf klimaneutralen Wasserstoff angewiesen, um ihren CO2-Ausstoß zu senken, besonders Unternehmen der Stahl- und der Chemiebranche. Sie können mit klimaneutralem Wasserstoff Produktionsprozesse umstellen, die bislang auf dem Einsatz fossiler Energieträger wie Kohle, Öl oder Erdgas basieren.

Saudi-Arabien ist prädestiniert für die Produktion grünen Wasserstoffs. Das Land verfügt über ein enormes Potenzial für die Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen zu niedrigen Kosten, vor allem durch Sonnenenergie. Günstiger Strom aus erneuerbaren Quellen ist Grundvoraussetzung für die Herstellung von grünem Wasserstoff.

Solarpark in Saudi-Arabien: Beste Voraussetzungen für die Produktion von grünem Wasserstoff. Foto: AFP

Deutsche Unternehmen verständigten sich nun mit saudi-arabischen Partnern auf mehrere Vorhaben. So unterzeichneten der Energiekonzern EnBW und das saudische Unternehmen ACWA Power eine Absichtserklärung über den Bau eines sogenannten Crackers im Hafen von Rostock. In der Anlage soll mit erneuerbaren Energien hergestelltes Ammoniak in klimaneutralen Wasserstoff umgewandelt werden. Gebaut werden soll der Cracker von der EnBW-Tochter VNG.

EnBW-Chef Georg Stamatelopoulos sagte, das Projekt bringe den Aufbau eines verlässlichen Importkorridors für dieses grüne Ammoniak von Saudi-Arabien nach Deutschland voran. „Solche internationalen Partnerschaften sind entscheidend, um die Transformation des Energiesystems bezahlbar zu gestalten und innovative Lösungen erfolgreich in den Markt zu bringen“, sagte Stamatelopoulos.

Aufbau einer Lieferkette für Wasserstoff

Das Vorhaben stellt einen wichtigen Baustein in der Wasserstofflogistik dar. Zwar wird Deutschland voraussichtlich einen großen Teil des künftigen Bedarfs an klimaneutralem Wasserstoff per Pipeline importieren, etwa aus Südeuropa. Wasserstoff aus weiter entfernten Regionen dagegen wird Deutschland per Tanker erreichen.

Allerdings muss der Wasserstoff zu diesem Zweck in Ammoniak umgewandelt werden. Der Grund: Der Transport von Wasserstoff per Tanker ist noch nicht weit entwickelt. Dagegen sind Ammoniak-Lieferketten seit Jahrzehnten global erprobt und standardisiert.

Wie der Ausbau der Wasserstoffwirtschaft per Gesetz vorangebracht werden könnte

Mit dem in Rostock geplanten Cracker kann das per Tanker angelieferte Ammoniak in Wasserstoff zurückverwandelt und in das geplante Wasserstoff-Kernnetz eingespeist werden.

Ein weiterer Partner des am Sonntag vereinbarten Projekts ist Siemens Energy. Zusätzlich hat auch der Industriegasehersteller Linde eine Absichtserklärung mit ACWA Power über eine Zusammenarbeit im Bereich grüner Wasserstoff unterzeichnet. Darüber hinaus hat die Liebherr-Gruppe mit dem saudischen Partner Juffali eine Kooperation bei der Entwicklung von Elektrolyseuren und Kompressionssystemen für grünen Wasserstoff vereinbart.

Staatsfonds PIF muss Rendite machen

Saudi-Arabien verfolgt ehrgeizige Ziele bei der Produktion von grünem Wasserstoff und dem Ausbau erneuerbarer Energien. Der weltweit größte Ölexporteur bereitet sich damit auf das postfossile Zeitalter vor.

Deutsche Unternehmen spielen dabei schon heute eine Schlüsselrolle. So baut Thyssen-Krupp Nucera in Saudi-Arabien einen Elektrolyseur zur Wasserstoffherstellung mit einer Leistung von zwei Gigawatt. Es handelt sich um eines der größten Projekte dieser Art weltweit. Die Anlage ist zu 80 Prozent fertiggestellt und soll 2027 in Betrieb gehen.

Bis 2035 plant das saudische Herrscherhaus, jährlich vier Millionen Tonnen grünen Wasserstoff zu produzieren und zu einem der weltweit führenden Exportländer zu werden. Doch die beteiligten Firmen tun sich schwer, Käufer zu finden.

„Geschwindigkeit ist alles“ – Wie Saudi-Arabien mit grünem Wasserstoff um deutsche Konzerne wirbt

Sollte das Land keine weiteren Käufer finden, könnte es den großen Wasserstoffplänen ergehen wie zahlreichen anderen Megaprojekten. Zuletzt wurden mehrere Projekte abgesagt, die als Teil des gigantischen Projekts „Neom“ geplant waren.

Kürzlich gab Riad bekannt, dass die Asiatischen Winterspiele 2029 nicht in Saudi-Arabien stattfinden werden; einen neuen Termin gibt es nicht. Die futuristische Wüstenstadt „The Line“ wird entweder gar nicht oder nur in sehr viel kleinerem Umfang gebaut.

Neom wird vom saudischen Staatsfonds PIF finanziert, der über etwa eine Billion Dollar verfügt. Doch steht der PIF nach einem Jahrzehnt massiver Ausgaben unter Druck, Renditen für seine Investitionen zu erzielen. Deshalb ist in den vergangenen Monaten eine Neuorientierung erfolgt. Künftig soll der Fokus mehr auf großen Datenzentren, Künstlicher Intelligenz (KI), Tech und Logistik liegen.

Wachsendes Interesse an digitaler Wirtschaft

Saudi-Arabiens wachsendes Interesse an der digitalen Wirtschaft spiegelt auch die Wirtschaftsdelegation, die Reiche begleitet. Mit dabei sind elf Vertreter der deutschen Start-up-Szene mit dem Schwerpunkt KI.

Außerdem gehören der Wirtschaftsdelegation 35 Unternehmensvertreter an, darunter neben EnBW-Chef Stamatelopoulos auch Miguel López, Chef des Thyssenkrupp-Konzerns, Siemens-Energy-CEO Christian Bruch, Sefe-Chef Egbert Laege und Uniper-CEO Michael Lewis.

Für deutsche Unternehmen gebe es weiterhin viele Möglichkeiten für Aufträge und Investitionen. Allerdings würden Projekte häufig nachträglich angepasst oder gestoppt – wie zuletzt bei Neom, sagt Constantin Frank-Fahle von der Rechts- und Steuerberatungsgesellschaft EMLTC. Ideal sei eine Arbeit auf Vorkassenbasis. „Andernfalls sollten gestaffelte Abschlagszahlungen vereinbart werden, um bei Bedarf rechtzeitig reagieren zu können.“

Katherina Reiche mit dem saudischen Energieminister Prinz Abdulaziz bin Salman Al Saud: Für beide Länder wäre ein Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft ein Erfolg. Foto: Elisa Schu/dpa

Seit einiger Zeit verlangt Saudi-Arabien von Unternehmen, die staatliche Aufträge erhalten wollen, ein regionales Hauptquartier (RHQ) im Königreich. Ohne RHQ gibt es grundsätzlich keine Staatsaufträge. Das könne zur Kostenfalle werden, sagte Frank-Fahle: „Unternehmen errichten dann ein RHQ, beauftragen im Vorfeld Anwälte und Steuerberater, stellen Personal ein, investieren schnell 150.000 Euro – und erhalten dennoch keinen Zuschlag.“

Verwandte Themen
Saudi-Arabien
Deutschland
Katherina Reiche
EnBW
CDU
Wasserstoff

Ministerin Reiche ist noch bis Dienstag in Saudi-Arabien. Am Mittwoch wird Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in Riad erwartet, erst vor wenigen Tagen war Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) zu Besuch.

Mehr zum Thema

Unsere Partner

Anzeige

Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen

Anzeige

Immobilienbewertung von Homeday – kostenlos, unverbindlich & schnell

Anzeige

Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik

Anzeige

Anzeige

Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden

Anzeige

Produktvergleich – schnell zum besten Produkt

Weiterlesen

Weitere Nachrichten

Slowakei: Regierungsberater tritt in Epstein-Affäre zurück

Slowakei: Regierungsberater tritt in Epstein-Affäre zurück

Der slowakische Ex-Außenminister Miroslav Lajčák hat im Zusammenhang mit der Veröffentlichung weiterer Epstein-Dokumente seinen Rücktritt als Regierungsberater erklärt. Er sei damit einer Forderung der Opposition sowie von Teilen der Koalition nachgekommen, berichtet...

mehr lesen