Frankfurt. Eigene Jubiläen zu feiern, hat bei Lufthansa Tradition. Seit dem Beginn des Linienverkehrs im April 1955 wurde alle zehn Jahre an den Neustart nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert. Einzige Ausnahme war das Jahr 2015. Da machte der Absturz eines Germanwings-Jets – ausgelöst durch den Selbstmord des Co-Piloten – alle Planungen zunichte.
Bei diesen Jubiläumsfeiern wurden die Anfangsjahre der schon 1926 als „Luft Hansa“ gegründeten Fluggesellschaft schlicht ignoriert – was zu seltsamen Situationen führte. Man habe Gäste der Feiern mit der Ju 52 aus den Anfangsjahren der Lufthansa geflogen, erinnert sich Konzernchef Carsten Spohr. „Aber man tat so, als hätte es die ersten Jahre des Unternehmens nicht gegeben“, sagte der Manager am Dienstagnachmittag bei einer Pressekonferenz in der Konzernzentrale am Frankfurter Flughafen.
Damit soll nun Schluss sein. Lufthansa feiert in diesem Jahr den 100. Geburtstag, die Anfangsjahre werden nun mitgerechnet. Das sei eine ganz bewusste Entscheidung, sagte der Lufthansa-Chef: „Wir haben in Deutschland in den letzten Jahren die Attitüde, wie wir mit unserer Vergangenheit umgehen, verändert – und ich glaube, zum Guten.“
In einer neuen wissenschaftlichen Analyse, die in einigen Wochen als Buch verfügbar sein soll, hat das Management das Verhalten der Lufthansa im Dritten Reich aufarbeiten lassen. Mitgewirkt hat unter anderem Manfred Grieger, Honorarprofessor am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Georg-August-Universität Göttingen. Er fand bei dem Pressegespräch klare Worte.
„Das Unternehmen war das NS-Regime“, beschrieb der Wissenschaftler die engen Bande zwischen der Leitung der damaligen Luft Hansa und der Hitler-Administration. Schon früh sei man eng an der politischen Führung gewesen. „Die Luftfahrt war einer der revisionistischen Faktoren“, sagte Grieger mit Blick auf das Bestreben, Beschränkungen der Alliierten nach dem Ersten Weltkrieg wieder rückgängig zu machen.
Unter dem Deckmantel der zivilen Lufthansa wurde früh mit dem Aufbau der militärischen Luftfahrt begonnen – trotz Verbot der Siegermächte. Man steckte viel Geld in das Unternehmen. „Luft Hansa war ein subventioniertes Unternehmen“, sagte Grieger. Die Flugzeuge gehörten dem Staat.
Lufthansa-Chef Carsten Spohr: „Man tat so, als hätte es die ersten Jahre des Unternehmens nicht gegeben.“ Foto: REUTERS
Als 1930 die Finanznot des Staates wuchs, hätten sich Mitglieder des Vorstands und des Aufsichtsrats früh der NSDAP zugewendet – in der Hoffnung auf gute Geschäfte. „Vorstandsmitglied Erhard Milch wurde bereits im Februar 1933 zum Staatssekretär im Reichsluftfahrtministerium“, sagte Grieger. Im selben Jahr wurde aus Luft Hansa die Deutsche Lufthansa Aktiengesellschaft.
Die rasche Annäherung sei weniger Ausdruck einer politischen Gesinnung gewesen, dahinter habe eher eine wirtschaftliche Motivation gestanden, analysiert Grieger nüchtern. Die expansiven Ziele des NS-Regimes hätten gut zu den Vorstellungen der damaligen Unternehmensführung gepasst. „Man hatte die Vision, dass der Interkontinentalverkehr in Zukunft die Einnahmen sichern wird“, sagte Grieger.
An der Mittäterschaft der Lufthansa-Führung in jenen Jahren ändert das allerdings nichts. Man unterstützte die Luftwaffe nach Kräften, etwa in Reparaturwerften für das Militär. Als der Zweite Weltkrieg begann, errichtete das Unternehmen in Tempelhof einen Standort für Funkmessgeräte und übernahm Reparaturwerften an der Front.
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Auch mit dem Einsatz von Zwangsarbeiten hatten die Lufthansa-Manager keine Probleme. Weit über 10.000 Menschen mussten für das Unternehmen schuften – verschleppte Ukrainer, aber auch deutsche Juden. „Es gab keine Fragen, wenn diese Personen zur Vergasung abtransportiert wurden. Es waren Berliner Juden, man konnte sich mit denen verständigen. Das ist schwer verständlich“, sagte Grieger.
Es sei nicht selbstverständlich, dass sich die Lufthansa in einem Buch den gesamten 100 Jahren widme, sagte Andrea Schneider-Braunberger, Geschäftsführerin der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte: „Und das aus Anlass eines Jubiläums.“ Die Historikerin verwies auf eine eigene Studie, nach der nicht einmal acht Prozent der deutschen Unternehmen die eigene Rolle im Nationalsozialismus professionell aufgearbeitet haben. „Das ist Teil der kollektiven Verdrängung“, sagte Schneider-Braunberger.
Zwar wird das aktuelle Buch zur Lufthansa-Historie laut Grieger keine ganz neuen Erkenntnisse bringen. Aber Konzernchef Spohr will es dennoch jedem Lufthanseaten mit auf den Weg geben, auch im Ausland. „Transparenz ist der beste Schutz“, sagte der Manager. In der Belegschaft war das Vorhaben nicht unumstritten. Einige hätten die Sorge gehabt, dass die Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich am Ende zu oberflächlich werden könnte, berichtete Spohr: „Die Erleichterung war groß, als wir gesagt haben, dass das nicht der Fall sein wird.“
Erstpublikation: 04.02.2026, 09:00 Uhr.



