Mordprozess in Rostock: Immer mehr spricht gegen Fabians Stiefmutter
Aber der Vater glaubt ihr immer noch – bloß warum?
Gina H. (30) neben ihrem Verteidiger Thomas Löcker (rechts) vor dem Landgericht in Rostock
Rostock (Mecklenburg-Vorpommern) – Es ist ein Prozess, der fast alle Beteiligten zur Verzweiflung treibt. Die Mutter, deren Sohn ermordet wurde. Die im Gerichtssaal miterleben muss, wie der Vater des Kindes alles zu tun scheint, um die Mordverdächtige zu schützen – und wie er schließlich gesteht: „Wir sind ein Paar.“ Oder den Richter, der den Vater geradezu anfleht mit den Worten: „Helfen Sie doch! Helfen Sie doch einfach! Ich flehe Sie fast an. Das ist Ihr Sohn, nicht meiner.“ Und natürlich den Staatsanwalt, der irgendwann entnervt feststellt: „Haben Sie Angst davor, die Wahrheit zu erfahren?“
Im Oktober 2025 wurde der kleine Fabian (8) aus Güstrow tot aufgefunden. Nun steht Gina H. (30) als mutmaßliche Täterin vor Gericht. Immer mehr spricht gegen die Frau, die zeitweise wie eine Stiefmutter für Fabian war. Nur Matthias R., der Vater des Jungen, scheint davor die Augen zu verschließen, wenn er im Prozess sagt: „Ich glaub’ an ihre Unschuld.“
Der Richter Holger Schütt appellierte an Fabians Vater: „Helfen Sie doch! Ich flehe Sie fast an!“
R. und die Angeklagte waren bis zu ihrer vorläufigen Trennung im August 2025 für rund vier Jahre ein Paar. Als Gina H. bereits in Untersuchungshaft saß, kamen sie wieder zusammen. Trotz aller Indizien und all der drängenden Fragen, die am Dienstag vor Gericht in Rostock verhandelt wurden, scheint er Gina H. zu schützen. Nur: Warum tut er das?
Die drängendsten Fragen im Fall Fabian
Warum fuhr die Angeklagte am Tag des Verschwindens von Fabian nach Güstrow? Matthias R. erklärt, dass laut Gina H. am Vormittag bis etwa 9 Uhr der Hufschmied bei ihr gewesen sei. Dann, so hätte sie ihm erzählt, sei sie nach Güstrow gefahren, „weil sie Bankgeschäfte für die Oma oder den Opa erledigen musste.“ Warum sie nach neun Minuten schon wieder aus dem Ort herausgefahren ist? „Sie hatte die Karten vergessen und musste noch mal umkehren.“ Warum die Überwachungskamera ihr Auto dann nicht noch einmal aufgezeichnet hätte? „Das hab’ ich sie nicht gefragt.“
An diesem Tümpel lag die Leiche von Fabian
Warum ging die Angeklagte in Tatortnähe mit ihrem Hund Leo spazieren? Am Tattag war Gina H. um 11.19 Uhr im Wald bei Lohmen – 1600 Meter Luftlinie entfernt von dem Tümpel, an dem Fabian starb. „Davon wusste ich nichts“, sagt Matthias R.
Warum googelte die Angeklagte nach Polizeimeldungen und Vermisstenanzeigen? Und das, obwohl sie noch gar nichts von Fabians Verschwinden wusste. Fabians Vater erklärt, Ginas Opa habe von einem Unfall in der Region gehört und sie sollte für ihn nachschauen, was da passiert ist.
Warum googelte die Angeklagte „fressen Wildschweine tote Menschen“? Als Matthias R. sie im Gefängnis besucht, erklärt sie ihm, dass sie wohl gehackt wurde.
Fabians Mutter Dorina L. sitzt im Gerichtssaal der Frau gegenüber, die mutmaßlich ihren Sohn getötet hat
Fabians Vater: Würde ihr alles zutrauen
Und da war die Frage, ob Fabians Vater seiner Freundin die Tat zutrauen würde. In einem Protokoll der Polizei heißt es, Matthias R. sei am Abend des 14. Oktober vor dem Haus von Gina H. aufgetaucht und habe den Kontakt zu den Beamten gesucht. Dann habe er gesagt, „dass er seiner Ex-Freundin alles zutrauen würde, dass Gina H. von Eifersucht getrieben sei und die Trennung von ihm nicht verkraften würde.“ Im Gericht sagt der Vater nun: „An so ein Gespräch kann ich mich nicht erinnern.“
Immer mehr spricht gegen Stiefmutter: BILD-Reporterin Isabel Pfannkuche beim Fabian-Prozess
Solange es keine handfesten Beweise gebe, glaube er an Gina H.s Unschuld. Richter Holger Schütt: „Was wären denn handfeste Beweise?“ Seine Antwort: „Fingerabdrücke, Reifenspuren, Blutspuren.“ Der Richter: „Fußspuren auch?“ Matthias R.: „Ja. Also, kommt drauf an. Wenn sie ihn da gefunden hat …“
Bleibt auch die Frage, wer sonst der Täter gewesen sein solle. Am Donnerstag sagte Matthias R. dazu noch, es gäbe niemanden, dem er das zutrauen würde. Doch er habe „so ein Gefühl“, dass ein anderer mit drinstecken könnte. Offenbar scheint Fabians Vater nur das sehen zu wollen, was Gina H. entlastet.
Oberstaatsanwalt Harald Nowack
Ist der Vater blind vor Liebe?
Glaubt Matthias R. wirklich an so viele Zufälle? Könnte er blind vor Liebe sein? Hat er kein Interesse daran, dass die Tat aufgeklärt wird? Oder gibt es einen noch unbekannten Grund, warum er sich so verhält? Auch die Prozessbeteiligten plagen Fragen dieser Art. Oberstaatsanwalt Harald Nowack wird deutlich, als er den Vater direkt anspricht: „Ist das vorsätzlich oder ist das nicht vorsätzlich, was bei Ihnen hier so eigenartig rüberkommt. Wenn das vorsätzlich ist, müssen wir Ermittlungen einleiten.“ Bislang ist das allenfalls ein vager Verdacht.
Doch alles Drohen, Flehen, Appellieren hilft nichts. Der Zeuge Matthias R. verlässt um 17.47 Uhr den Gerichtssaal. Alle zwei Wochen besucht er seine Freundin im Gefängnis: Die Frau, die seinen Sohn ermordet haben soll.
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