U-Bahnhof-Drama: Sterbender in Berlin bestohlen

U-Bahnhof-Drama: Sterbender in Berlin bestohlen

Es ist kalt in Berlin. Seit Weihnachten sogar noch ein bisschen kälter.

Auf einer Bank im U-Bahnhof Hermannplatz im Bezirk Neukölln ist in der Nacht zum Zweiten Weihnachtstag ein Mann gestorben. Zeugen fanden ihn gegen 0.40 Uhr, wählten den Notruf, doch der Notarzt konnte nichts mehr für den 65-Jährigen tun. Sein Kreislauf hatte versagt, sein Herz aufgehört zu schlagen.

Der Mann war nicht obdachlos. Er lebte allein in einer Wohnung im Stadtteil Schöneberg. Bis er auf einer Bank in einem zugigen U-Bahnhof starb. Mitten in Berlin. An Weihnachten. Ganz allein.

Woran dachte dieser Mann in den letzten Momenten seines Lebens? Spürte er, dass es zu Ende geht? Hatte er Angst? Niemand wird es je erfahren.

Ich möchte weinen um den einsamen Mann, doch leider ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Denn offenbar geht es in diesen Zeiten immer noch schlimmer.

Überwachungskamera zeigt Diebstahl

Bilder einer Überwachungskamera zeigen: Ein Passant hat sich dem Sterbenden genähert. Nicht, um ihm zu helfen. Nicht, um 112 anzurufen. Nicht, um ihm wenigstens die Hand zu halten, Mut zu machen in seinen letzten Sekunden. Der Unbekannte, das erkennt man auf den Bildern, hat den Sterbenden durchsucht. Er hat ihm das Handy geklaut. Dann lief er fort.

Das ist niederträchtig und so verkommen, dass es mir die Sprache verschlägt. Die Frage ist: Ist es ein drastischer Einzelfall? Oder Symptom einer Krankheit, die unsere Gesellschaft zersetzt, zerfrisst? In der Ichichich immer wichtiger wird als Mitgefühl und Hilfsbereitschaft?

„Wir ermitteln wegen schweren Diebstahls und unterlassener Hilfeleistung“, sagt der Polizeisprecher. Ich habe nachgeschaut: Ersteres kann mit einer Freiheitsstrafe von maximal fünf Jahren bestraft werden. Letzteres ist nicht mal ein Verbrechen, nur ein Vergehen.

Wo finden wir am Ende dieser Geschichte, am Ende dieses Jahres Hoffnung? Ein Fünkchen vielleicht, dass der sterbende Mann nicht mehr mitbekommen musste, wie er bestohlen wird. Dass der Täter gefasst wird. Und dass uns diese Geschichte zum Nachdenken anregt, wie wir besser aufeinander achten.

Wie wir uns gegen die Kälte wappnen.

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