Ex-Profi im Interview

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Wenn man an die jüngere Historie von Borussia Mönchengladbach denkt und insbesondere an die Spieler, die den Verein nachhaltig geprägt haben, darf ein Name nicht fehlen: der von Patrick Herrmann. Über 14 Jahre stand er im Dienst der Fohlen, absolvierte 420 Partien und gehört zu den Rekordspielern. Bei Transfermarkt blickt der 34-Jährige auf seine Karriere zurück und spricht unter anderem über seinen verrücktesten und seine besten Mitspieler.
Durchatmen, Kraft sammeln – für die Bundesligaprofis ist die Winterpause quasi ein Heiligtum. Auch Herrmann empfand das zu seiner aktiven Zeit so. „Sowohl die Sommer- als auch die Winterpause sind für jeden Profi, egal in welcher Liga, heilig. Ob du jedoch wirklich abschalten kannst, hängt natürlich auch von der jeweiligen Tabellensituation ab. Es gab und gibt viele Spieler, die haben sich quasi beim Weihnachtsessen Gedanken darüber gemacht, wie es sportlich weitergeht und konnten den Stress nicht einfach beiseiteschieben“, weiß der Ex-Profi, der seine Karriere 2024 beendete.
Danach fiel er aber nicht, wie manch anderer, in das ominöse mentale Loch. „Zunächst darf und durfte ich auf eine unglaublich tolle Karriere zurückblicken. Natürlich hat sich vieles verändert und der Wochen- und Wochenend-Rhythmus war auf einmal komplett anders, aber ich war dankbar, dass ich nun mehr Zeit für meine Familie hatte. Die freie Zeit habe ich schon sinnvoll genutzt. Ich war im Baumarkt, habe an unserem Haus gewerkelt oder war im Gartencenter und habe mir überlegt, wie ich den Garten gestalten kann“, erzählt er lachend und schiebt nach, was er in seinem neuen Leben nicht vermisst. „Ich habe Konditions-Trainingseinheiten gehasst. In jeder Sommervorbereitung habe ich mir gesagt: Bald ist der Spuk vorbei, bald ist der Spuk vorbei. Ganz zu Anfang meiner Karriere hatten wir sogar noch Lauftrainingslager, die waren am schlimmsten. Dann hieß es in der Mannschaft immer: Es geht wieder ins Schmerzlager nach Herzlake. Fast jeder Tag war gleich aufgebaut, nahezu ohne Ball mussten wir mehrere Laufeinheiten absolvieren. Es war zum Kotzen.“

Herrmann über Zimmerkollegen ter Stegen und sein Bundesligadebüt
Nach dem Jahreswechsel verabschieden sich traditionell viele Klubs zur besseren Vorbereitung gen Süden. Für Talente ist dies die Chance, sich ganz oben zu zeigen. Diese nutzte auch Herrmann einst. Im Gespräch kommen ihm viele Bilder und Emotionen aus dem Winter-Trainingslager unter Chefcoach Michael Frontzeck hoch. „Ich weiß noch, dass mich damals im Training Michael Bradley auf Englisch richtig zurechtgewiesen hat, das war quasi der Einstand für mich. Ich musste oder besser gesagt durfte schnell lernen, wie wichtig Fokussierung ist. Bei der A-Jugend konntest du eine Einheit auch mal locker angehen. Bei den Profis musst du zu 100 Prozent da sein, ansonsten fällst du ab und ein Konkurrent zieht an dir vorbei.“
Neben ihm durfte damals auch ein weiteres Talent aus dem Fohlenstall mit den Profis trainieren: Marc-André ter Stegen. „Bei Marc hast du ziemlich schnell gesehen, dass er ein absolutes Megatalent ist. Wenn man ihm im Training zugeschaut hat, hat man sich häufig gefragt, warum der Trainer ihn nicht bereits bei den Profis eingesetzt hat. Besser als die damaligen Profitorhüter war er auf jeden Fall“, erzählt Herrmann, der sich auch mit einem Schmunzeln an den Keeper als seinen Zimmerkollegen erinnert. „Mit Marc habe ich jahrelang bei Auswärtsfahrten ein Zimmer geteilt. Marc hatte zum Beispiel den Tick, wenn jemand seine Handschuhe nur angefasst hat, dann hat er diese nicht mehr getragen. Viel Zeit haben wir auch mit Spanischlernen verbracht. Ich habe eine Zeit lang gedacht, er lernt eine andere Sprache, weil er Bock darauf hat. Die Gerüchte um den FC Barcelona habe ich als einer der Letzten mitbekommen.“
An sein Bundesligadebüt mit gerade einmal 18 Jahren erinnert er sich ganz genau, schließlich konnte er sich trotz späterer 1:2-Niederlage gegen den VfL Bochum gleich als Vorlagengeber auszeichnen. „Bei der Einwechslung hat mir Michael Frontzeck gesagt: ‚Patrick, du spielst auf der linken Seite und beackerst die ganze Bahn.‘ Das hat mich etwas verwirrt, weil ich somit offensiv wie defensiv denken und spielen musste. Die Verwirrung wurde noch größer, weil ich von Filip Daems die Kapitänsbinde in die Hand gedrückt bekam und sie Tobias Levels reichen sollte. Der war aber auf der anderen Seite und der Schiedsrichter hatte das Spiel schon wieder angepfiffen. Also bin ich mit der Kapitänsbinde in der Hand die Außenbahn entlanggesprintet und habe den Ball direkt auf Fabian Bäcker vorgelegt, der den Anschlusstreffer erzielte. Ich sage bis heute, ich war in meinem ersten Spiel direkt Kapitän und habe ein Tor vorbereitet“, erzählt Herrmann mit einem Lachen.
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In jener Zeit traf er auch den Mitspieler, der ihn sportlich mit am meisten beeindrucken sollte. „Juan Arango hatte einen begnadeten linken Fuß. Als Marco Reus später noch zu uns wechselte und wir zu dritt Freistöße übten, war das einfach nur krass. Wie Juan und Marco nach und nach die Freistöße ins Eck schweißten, war schon sehenswert. Für mich waren Marco und Juan die besten Mitspieler meiner Karriere.“
Herrmann übte Unterschrift – Highlightspiel gegen FC Bayern
Für jeden Fußballer gibt es auch einen konkreten Moment, ab dem er verstand, dass er es geschafft hat, wovon er als Kind träumte. „Als ich das erste Mal Autogrammkarten in der Hand halten durfte, konnte ich realisieren, dass ich wirklich Fußballprofi bin. Ich wusste nur nicht, wie man eine Autogrammkarte unterschreibt. Also habe ich zu Hause über Stunden so lange geübt, bis ich die perfekte Unterschrift hatte. Auch der Moment, als ich mich selbst bei FIFA spielen durfte, war genial. Wobei ich zu Anfang auf mich verzichtet habe, weil ich gewinnen wollte und meine Spielerbewertung schlecht war“, berichtet der 34-Jährige amüsiert, dessen höchster Marktwert 12 Millionen Euro war.
Peu à peu spielte sich Herrmann bei den Profis fest. Speziell der Saison 2011/12 konnte der frühere Rechtsaußen seinen Stempel aufdrücken. Insgesamt 15 Scorerpunkte sammelte er. Seine zwei Treffer beim 3:1 gegen den FC Bayern München bleiben dabei unvergessen. „Das war das absolute Highlightspiel meiner Karriere. Das gesamte Rahmenprogramm hat gepasst. Es war der Rückrundenauftakt, es war ein Abendspiel samt Live-Übertragung. Wir hatten zu der Zeit ein absolutes Selbstverständnis innerhalb der Mannschaft. Wir haben uns mit jeder Mannschaft auf Augenhöhe gesehen und sind entsprechend so in die Spiele gegangen. Der Sieg hat uns in ganz Europa extreme Beachtung und Strahlkraft beschert. Wenige Tage nach dem Spiel ist Lucien Favre mit einem Zeitungsartikel aus Italien auf mich zugekommen. In der Zeitung stand mein Name im europäischen Team des Spieltags.“
14 Jahre Profifußball bedeuteten auch eine Vielzahl von Trainern. Ob Favre, Dieter Hecking oder Marco Rose, während seiner Gladbacher Zeit sammelte er unter acht Trainern Erfahrungen. Dabei sind ihm besonders zwei in prägender Erinnerung geblieben. „Lucien Favre war sehr akribisch. Er wollte wirklich jeden Spieler jeden Tag besser machen. Jeder hatte großen Respekt vor ihm. Sein Lieblingssatz mit französischem Akzent war: ‚Patrick, machen Sie so und so.‘ Auch unter Marco Rose konnte ich viel lernen und hatte Spaß. An meinem Geburtstag sagte er vor versammelter Mannschaft: ‚Patrick, wir vom Trainerteam wünschen uns demnächst mal wieder ein Tor von dir.‘ Daraufhin erwiderte ich: ‚Trainer, dann müssen Sie mich auch häufiger spielen lassen.‘ Zum Glück hatte er den Spaß verstanden und alle lachten gemeinsam.“
Der positiv Verrückteste war mit Abstand Mo Idrissou.
In diesem Zuge dachte er auch schmunzelnd an den lustigsten Mitspieler. „Generell hatten wir während meiner Karriere super Typen im Kader, menschlich hat das gefühlt immer gepasst. Der positiv Verrückteste war aber mit Abstand Mo Idrissou. Ob vor dem Schlafen oder direkt am Vormittag vor einer Trainingseinheit, Mo brauchte immer Red Bull. Dabei blieb es nicht bei einer Dose. Zwei, drei Dosen mussten es schon sein. Wenn ein Sportler ein gutes Testimonial für Red Bull gewesen wäre, dann Mo Idrissou.“
Während sich Idrissou und Herrmann neben dem Platz gut verstanden, unterscheiden sich die beiden beim Blick auf die Vereinskarrieren deutlich. Idrissou heuerte bei weit über zehn verschiedenen Klubs an, für Herrmann gab es im Profifußball nur einen Verein. 420 Partien absolvierte er für die Fohlen und belegt damit den fünften Platz in der Rangliste der Rekordspieler.
Jeder Mensch hat eine individuelle Werteskala, die aus grundlegenden Überzeugungen besteht und als entsprechender innerer Kompass fungiert. Jene von Herrmann beschreibt er so: „Loyalität und Vertrauen sind für mich eine Zehn von Zehn. Natürlich gab es zu meiner aktiven Zeit auch lose Anfragen und wahrscheinlich wäre auch ein Wechsel möglich gewesen. Jedoch habe ich mich immer gefragt, ob es das wert ist, alles aufzugeben. Jede Saison bei der Borussia hat mir unglaublich viel Spaß gemacht, deshalb kam für mich nie infrage, woanders hinzugehen. Ich hatte in Gladbach alles, was ich brauchte. Trotzdem hätte ich natürlich auch nie gedacht, dass ich über 14 Jahre lang das Borussia-Trikot tragen darf.“
Herrmann über Bezeichnung als Vereinsikone: „Bin nichts Besseres“
Bei der Bezeichnung Vereinsikone oder -legende bekommt er leichte Bauchschmerzen. „Ich weiß diese Bezeichnungen sehr zu schätzen, aber ich bin nichts Besseres, nur weil ich ein paar Profispiele für Borussia Mönchengladbach absolviert habe. Mich fragt man immer, warum ich nicht so arrogant bin, ich hätte allen Grund dazu. Ich sage dann immer, was muss ich im Leben falsch gemacht haben, um arrogant zu werden. Ich bin immer noch der gleiche Patrick, der ich war, als ich das erste Mal Bundesliga spielen durfte.“
In der heutigen Zeit bleiben nur wenige Spieler ihrem Verein bis zum Karriereende treu. Dafür hat Herrmann eine Erklärung parat: „Der Fußball hat sich gewandelt. Heute bauen die Spieler nicht mehr so starke Beziehungen zu ihrem Verein auf. Sie sehen den Verein mehr als reinen Arbeitgeber. Ich bin auch Fußball-Romantiker und würde mir wünschen, dass Spieler vier, fünf Jahre für ein und denselben Verein spielen würden, aber die Zeiten haben sich geändert. Wenn ein Spieler einen Vierjahresvertrag mit Ausstiegsklausel unterschreibt, dann wissen beide Parteien, dass die Zusammenarbeit nach einem Jahr wieder vorbei sein kein. Wir müssen erkennen, dass das die Spielregeln sind.“
Herrmann über schwere Verletzungen und den Videoassistenten
So sehr Herrmann von seiner aktiven Karriere schwärmt, so offen spricht er auch darüber, dass es dunkle Momente gab. Insbesondere die der Einsamkeit nach schweren Verletzungen haben ihn geprägt. Aufgrund eines Kreuzbandrisses und anderen Blessuren verpasste er über die Jahre eine Vielzahl von Partien. „Je schwerer die Verletzung ist, umso mehr mentale Kraft benötigst du. Als ich mir das hintere Kreuzband gerissen habe, musste ich alleine entscheiden, ob ich mich operieren oder konservativ behandeln lasse. Diese Entscheidung hat so einen immensen Druck aufgebaut, dass ich angefangen habe zu heulen, weil ich natürlich nicht wusste, ob und wie ich wieder in den Profifußball zurückkehre. Die einsamen Momente in der Reha formen dich. Du sitzt auf einem Gymnastikball, machst irgendwelche Altherrenübungen und stehst vor der Ungewissheit. Wenn du dich nicht motivieren kannst, gehst du kaputt.“
Wenn man wie Herrmann über 14 Jahre im Profifußball aktiv war, erlebt man die Veränderungen hautnah mit und so schaut er heute mit anderen Augen auf den Sport. „Ich bin dankbar für jeden einzelnen Moment, den ich sammeln und genießen durfte. Was mich jedoch nachdenklich stimmt, ist die Tatsache, dass der Fußball immer mehr an Emotionen verliert, insbesondere, wenn es um das Thema Videoassistent geht. Früher ist das Stadion nach einem Tor komplett ausgerastet. Heute nimmt man damit diese Stimmung, weil erstmal gefühlt fünfmal geprüft werden muss, ob das Tor zählt. Ich würde mir wünschen, wenn man dahingehend wieder etwas zurückrudert.“
Text und Interview von Henrik Stadnischenko



