Vragel da Silvas Erinnerungen an Energie Cottbus: Aufstiege und Geyer

Vragel da Silvas Erinnerungen an Energie Cottbus: Aufstiege und Geyer

Energie-Ikone im Interview 

Vragel da Silvas Erinnerungen an Energie Cottbus: Aufstiege und Geyer

©IMAGO

Zum Jahresausklang blicken wir zurück auf einige unserer Interview-Highlights des Jahres 2025. Im März veröffentlichten wir den Artikel zu unserem Gespräch mit Ex-Profi Vragel da Silva.

Energie Cottbus surft auf der Erfolgswelle. Nach Jahren in der Viertklassigkeit schaffte der Klub in der vergangenen Saison die Rückkehr in die 3. Liga und kämpft derzeit um den Aufstieg in die 2. Bundesliga. Das freut auch eine frühere Klub-Ikone. „Ich drücke dem Klub beide Daumen für den Aufstieg, für mich bedeutet Energie Cottbus alles“, sagt Vragel da Silva, der zwischen 2001 und 2009 für die Lausitzer auf dem Platz stand. „Ich hatte hier die schönste Zeit meiner Karriere. Meine Kinder sind in Cottbus geboren, auch deshalb werde ich immer mit der Stadt verbunden sein“, erzählt der ehemalige Rechtsverteidiger im Gespräch mit Transfermarkt. Erinnerungen zu seiner Zeit beim FC Energie und an Trainer Eduard Geyer hat er reichlich zu teilen.

Vor 25 Jahren gehörte Cottbus zum etablierten Stamm des Profifußballs und da Silva zum festen Personal des Vereins, der sich zu einem der Kultklubs in der Bundesliga-Historie entwickeln sollte. Im Mai 2000 schaffte der FC Energie etwas, das noch heute als Fußballwunder bezeichnet werden kann. Der kleine Verein aus Brandenburg stieg erstmals in die Bundesliga auf und konnte sogar den Klassenerhalt im deutschen Oberhaus feiern. An seine Anfangszeit kann sich der Brasilianer da Silva noch gut erinnern, dabei wäre er beinahe gar nicht in Cottbus gelandet.

Da Silvas erster Cottbus-Besuch: „Ich war schockiert“

„Ich bin 2000 nach Ulm gewechselt, zu dem Zeitpunkt hatte ich auch ein Angebot von Energie“, erzählt uns da Silva. „Dazu bin ich zum ersten Mal nach Cottbus gefahren und war schockiert. Ich habe wirklich die schlimmsten Ecken von Cottbus gesehen, unter anderem heruntergekommene Plattenbausiedlungen, und wusste, da wechsele ich auf keinen Fall hin. Ein Jahr später hatte ich ein konkretes Angebot vom FC St. Pauli, aber auch Energie Cottbus war wieder sehr interessiert und hat nicht lockergelassen. Daraufhin habe ich mir gesagt, wer sich so engagiert zeigt, dem gebe ich eine Chance. Ich bin daraufhin für eine Woche nach Cottbus gefahren, habe mir alles angeschaut und mich in die Stadt, die Menschen und den Verein verliebt. Manchmal muss man erst durch die Fassade in das Herz des Gegenübers schauen.“

Besonders von einem neuen Mitspieler zeigte sich da Silva sehr beeindruckt: „Was Vasile Miriuță mit dem Ball anstellen konnte, war genial. Im Training hat er es immer locker angehen lassen, Ede Geyer konnte dagegen aber nichts machen, weil er ja seinen besten Mann nicht aus der Startelf verbannen konnte. Vasile war auch ein Ausreden-Weltmeister, wenn es darum ging, nicht am Konditionstraining teilnehmen zu müssen. Beispielsweise hatte er sich zufälligerweise am Tag der entsprechenden Einheiten immer eine andere Muskelgruppe gezerrt und musste dann aussetzen“, erinnert sich da Silva lachend.

Als damaliger Baumeister des Cottbuser Erfolgs galt Trainer-Legende Geyer. Von 1994 bis 2004 stand er in 378 Partien an der Seitenlinie. Besonders seine hohe und harte Trainingsintensität in Kombination mit seiner autoritären Art bildeten die Grundlage für die positiven Ergebnisse, wenngleich er bei Spielern gleichermaßen geliebt wie gefürchtet wurde.

Da Silva über Ede Geyer: „Absoluter Angsttrainer“

„Das erste gemeinsame Trainingslager musste leider ausfallen, weil ich mit einer Mandelentzündung flach lag“, erklärt da Silva. „Aus heutiger Sicht kann ich sagen: Zum Glück musste ich nicht trainieren. Die Sommertrainingslager waren gefürchtet. Mein schlimmstes Trainingslager war in Oberhof. Wir sind erstmal zehn Kilometer mit dem Fahrrad zur dortigen Skischanze gefahren und dann stand noch eine anstrengende Laufeinheit an. Viele haben am Ende gekotzt, Ede Geyer hat sich gefreut und meinte zu uns, das war eine gute Einheit.“

Doch auch die andere Seite des Coaches bekam da Silva zu sehen: „Nach meinem Karriereende habe ich Ede Geyer als unglaublich sympathischen, herzlichen Menschen kennengelernt. Er ist wirklich ein lustiger Typ. Aber als Trainer war er das komplette Gegenteil. Er war eine Mischung aus absoluter Respektsperson und absolutem Angsttrainer. Manchmal hatte er seine Emotionen nicht im Griff. Ich erinnere mich an ein Spiel gegen Bayern München. Wir haben gegen die Bayern zwischenzeitlich mit 1:0 geführt, aber kurz vor der Pause das 1:1 kassiert. Jeder andere Trainer wäre stolz auf sein Team gewesen, er ist in der Halbzeit komplett ausgerastet, hat mehrere Wasserflaschen gegen die Wand gescheppert. Entsprechend war die Stimmung im Keller und wir haben das Spiel noch verloren.“

Brasilianer da Silva „von der Spielweise ein Deutscher“

Der Kultstatus, den sich der Abwehrspieler über Jahre aufbauen konnte, lag auch an seiner unkonventionellen Spielweise. Während viele brasilianische Bundesligaspieler mit hoher technischer Raffinesse ausgestattet waren, gehörte da Silva eher zur Art des kompromisslosen Abwehrspielers. Mit seiner Spielweise hatte er schnell einen Platz im Herzen der Fans. „Ich bin zwar Brasilianer, aber von meiner Spielweise bin ich ein Deutscher“, verrät da Silva. „Zum Beispiel konnte Vasile Miriuță locker einhundertmal den Ball hochhalten, bei mir war nach fünfmal Schluss. Meine Stärke bezog sich auf die Zweikampfführung und die Kopfbälle. Ich hatte keine Angst und habe jeden Ball mit voller Wucht genommen. Mir hat es extrem geholfen, dass ich in Brasilien viel im Sand trainiert und vorher viel Volleyball gespielt habe.“

Vragel da Silva beim FC Energie 2008

Vragel da Silva beim FC Energie 2008

In seiner ersten Cottbus-Saison konnte sich da Silva schnell als Torjäger auszeichnen. An den Spieltagen 4 und 5 seiner Debütsaison erzielte er gegen Hertha BSC und den VfL Wolfsburg drei Kopfballtore. Entgegen der Erwartung vieler Experten schaffte der Klub auch im zweiten Jahr den Klassenerhalt in der Bundesliga. Dass im Kader Profis aus elf verschiedenen Nationen vertreten waren, tat dem Zusammenhalt keinen Abbruch. Aus Sicht von da Silva war gerade der Zusammenhalt das entscheidende Erfolgsmerkmal.

„Ede Geyer wusste genau, welche Charaktere wie zusammenpassen“, meint da Silva. „Entsprechend hat er die Spieler verpflichtet. Alle Spieler waren Kämpfer und hatten diesen Hunger. Zudem hatte er mit Hagen Reeck und Petrik Sander super Co-Trainer. Petrik Sander war der Kumpeltyp, der für jeden Spieler ein offenes Ohr hatte. In der Kabine und bei Ansprachen wurde nur Deutsch gesprochen. Zweimal in der Woche hatten die ausländischen Spieler Deutschunterricht – und der war verpflichtend. Der Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft war überragend. Jeden Tag ist der Großteil der Mannschaft gemeinsam essen gegangen“, sagt da Silva.

Da Silvas Erinnerungen an große Momente und hässliche Trikots

Obwohl Geyer laut da Silva „ein Schleifer“ gewesen sei, habe es unter ihm auch Freiheiten gegeben. „Nach den gewonnenen Spielen dachtest du, in der Kabine steht eine Dampflokomotive, ein Großteil der Spieler hat geraucht, und das nicht zu knapp“, erinnert sich da Silva. „Auch die obligatorische Kiste Bier stand bereit. Wir wussten aber auch ganz genau, was passiert, wenn einer von uns nach einer Niederlage eine Zigarette in der Kabine angezündet hätte. Das hätte richtig geknallt.“

Von Beginn an fühlte sich der Brasilianer angekommen und heimisch, was aus seiner Sicht auch an den Fans und dem urigen Stadion der Freundschaft lag. „Für die Fans und die Region ist Energie Cottbus mehr als nur ihr Lieblingsverein. Ich erinnere mich noch an den letzten Spieltag der Saison 2004/2005. Wir sind damals nur durch ein Tor in der 2. Bundesliga geblieben. Wir mussten auf das Ergebnis aus Saarbrücken warten, die gegen unseren direkten Konkurrenten Eintracht Trier gespielt haben. Die Vielzahl von Emotionen, die zwischen absoluter Trauer und absoluter Freude wandelten, werde ich nie vergessen.“

Angesprochen auf die damaligen Trikots sagt da Silva das, was viele schon damals dachten: „Der Verein hat halt mehr Geld in den Kader investiert und dafür auf einen guten Trikotdesigner verzichtet. Tatsächlich waren einige hässliche Trikots dabei. Welches Trikot damals als absolut hässlich galt, war das orangefarbene. Da hieß es immer, die Müllabfuhr kommt. Heute finde ich das absolut kultig und genial.“

Energie Cottbus in der Saison 2006/07

Energie Cottbus in der Saison 2006/07

Seine Verbundenheit und die Loyalität dem Verein und den Fans gegenüber war auch der Grund, weshalb er Energie Cottbus auch nach dem Abstieg in die 2. Bundesliga die Treue schwor. Seine Leistungen und seine sechs Scorerpunkte waren zum Schluss auch mit dafür verantwortlich, dass Energie am letzten Spieltag der Saison 2005/06 die Rückkehr in die Bundesliga perfekt machte.

Da Silva: „Der Aufstieg war phänomenal“

„Klar hätte ich wechseln können, Mainz 05 und Eintracht Frankfurt wollten mich zwischenzeitlich verpflichten, aber ich wäre nur für die Bundesliga gegangen. Ich wusste, was ich an Cottbus habe. Der Aufstieg war phänomenal. Wir mussten gegen 1860 gewinnen, um aufzusteigen (zum Spielbericht). Nach dem 0:1, gebe ich offen zu, waren wir K. o., wir waren platt. Aber die Fans haben uns gepusht, die haben eine Laustärke verbreitet, das war unglaublich. Dafür bin ich noch heute dankbar. Die Aufstiegsfeier war auch legendär. Auf einmal hatte ich eine 5-Liter- Champagnerflasche in der Hand. Daniel Ziebig war ein absolutes Feierbiest, was der vertragen hat, da wäre ich schon umgefallen. An dem Wochenende hat keiner geschlafen. Ich muss sagen, ohne den Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft und den Zusammenhalt mit den Fans wären wir nicht wieder in die Bundesliga aufgestiegen.“

Was waren sonst da Silvas Highlights? Er muss lachen: „Tatsächlich fallen mir mehr Spiele ein, wo wir richtig schlecht gespielt haben. Aber, wenn es um Highlight-Spiele geht, dann sind es die Partien gegen Hertha BSC. Jeder Sieg gegen Hertha wurde extrem emotional gefeiert.“

Emotional wird der Brasilianer auch, wenn er an seine unangenehmsten Gegenspieler denkt. „Wenn man bedenkt, gegen welche Bundesliga-Legenden ich spielen durfte, macht mich das schon stolz. Der Beste war in meinen Augen Zé Roberto. Der war fast nicht zu verteidigen, der war schnell, physisch wie technisch stark. Auch Miroslav Klose war brutal stark, der hat Lücken gesehen, die hat keiner gesehen. Witzig fand ich Luca Toni. Bei jeder Berührung ist er gefallen, als wäre er schwer verletzt. Aber wehe, man hat ihn nur eine Sekunde aus den Augen verloren, dann wurde es gefährlich.“

Wenn da Silva heute auf seine Karriere zurückschaut, weiß er, dass er an einigen Stellen ein zu großer Heißsporn gewesen ist. Mehrfach musste da Silva aufgrund von unsportlichem Verhalten Sperren absitzen. „Natürlich war ich ein Hitzkopf. Ich wollte auf dem Platz unbedingt gewinnen, manchmal bin ich auch über das Ziel hinausgeschossen. Trotzdem blicke ich mit großem Stolz auf meine Karriere zurück. Ich habe extrem viel erlebt und bin dankbar, dass ich diese Chance bekommen habe.“

Text und Interview: Henrik Stadnischenko

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