Beispielloser Aufstieg in 6 Jahren

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„Krakau ist die Hauptstadt Polens“, schallte es am Sonntagabend durch die Synerise Arena. Bejubelt wurde jedoch nicht die Ekstraklasa-Rückkehr des 13-fachen Meisters Wisla Krakau, sondern der beispiellose Aufstieg von Wieczysta Krakau. Im Finale der Playoffs setzten sich die Gelb-Schwarzen mit 2:1 (1:1) gegen Chrobry Glogow durch und krönten ihren Durchmarsch von der 6. in die 1. Liga in nur sechs Jahren – eng verbunden ist der Erfolg mit dem „König der Apotheken“.
Gegründet wurde Wieczysta 1942 im gleichnamigen Krakauer Wohnviertel während der deutschen Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg, als die Organisation von Fußballspielen eigentlich streng verboten und unter Strafe gestellt war. Aus dem Schatten der großen Stadtrivalen Wisla, Cracovia, Hutnik oder Garbarnia kam Wieczysta nie heraus, die 4. Liga war das höchste der Gefühle. Erst fast 80 Jahre später sollte sich dies ändern.
Als Geschäftsmann Wojciech Kwiecien im Juni 2020 die Zügel bei Wieczysta übernahm, da ahnte der ein oder andere schon, dass etwas Großes entstehen könnte. Kwiecien ist in der Medizinbranche tätig und besitzt unter anderem über 200 Apotheken in Polen, was ihm den Beinamen „König der Apotheken“ einbrachte. Er zählt zu den reichsten Menschen des Landes, sein Nettovermögen wird auf über 120 Millionen Euro geschätzt. Trotzdem gehört Kwiecien zu den rätselhaftesten Figuren im polnischen Fußball und in der polnischen Wirtschaft.
Wieczysta-Investor: Wer hinter dem König der Apotheken steckt
Die Privatsphäre ist Kwiecien heilig, er mag weder Fotos noch öffentliche Auftritte. Das geht auch schon mal so weit, dass sein Sicherheitspersonal Fotografen dazu auffordert, Aufnahmen wieder zu löschen. Bis zu seiner Übernahme von Wieczysta war ein Porträt von ihm quasi unauffindbar, mittlerweile erkennen ihn viele im Stadion zumindest an seiner charakteristischen Schiebermütze. Über ihn reden wollen nur die Wenigsten, beschrieben wird er aber als aufgeschlossener, witziger und ehrgeiziger Charaktertyp.

Besitzer Wojciech Kwiecien und Vizepräsident Slawomir Peszko auf der Tribüne von Wieczysta Krakau
Zugleich schottet sich Kwiecien nicht ab. Er ist eine bekannte Persönlichkeit in Wirtschaft, Sport und Politik, hat einen engen Draht zu Entscheidungsträgern wie Verbandspräsident Cezary Kulesza. Dennoch will Kwiecien kein Prominenter sein. Er unterstützt anonym zahleiche karitative und soziale Einrichtungen, auch sein Engagement bei Wieczysta kommt nicht von ungefähr. Dort wuchs Kwiecien auf, feuerte schon als Junge seine Freunde an. Später war er als Fan auch bei Wisla Krakau oder Chelsea in den Logen anzutreffen, reiste zum Teil sogar zu Auswärtsspielen mit.
Wisla war auch der erste Verein, den Kwiecien finanziell unterstützte. Mehrmals wollte er beim Traditionsklub sogar als Eigentümer einsteigen, jedes Mal kam etwas in die Quere. Als Wisla 2018 in finanzielle Schieflage geriet, entschied er sich selbst nach einer Betriebsprüfung gegen ein Engagement. Nach einigem Hin und Her sprang unter anderem Ex-Profi Jakub Blaszczykowski bei, seit 2022 ist der IT-Unternehmer Jaroslaw Krolewski Haupteigentümer, der ein gutes Verhältnis zu Kwiecien pflegt.
Dessen Hauptaugenmerk richtete sich in der Folge auf seinen Heimatverein, der ebenfalls finanzielle Probleme hatte. Im Juni 2020 stieg Kwiecien bei Wieczysta ein und beschloss, erhebliches Kapital in den Sechstligisten zu investieren. Zunächst beglich er Schulden im sechsstelligen Bereich, dann begann er mit dem Aufbau. Die Verpflichtung des Ex-Kölners Slawomir Peszko und des ehemaligen Nationalspielers Radoslaw Majewski aus der A-League sorgten für ein großes Medienecho. Schnell galt Wieczysta als reichster Amateurverein des Landes und spielte, wie es sich für einen Favoriten gehört.
Die Scheichs von Krakau führen Wieczysta schnell nach oben
In der Saison 2020/21 gewannen die Gelb-Schwarzen alle 28 Spiele in der 6. Liga mit einem Torverhältnis von 216:8. Im Anschluss gelang der direkte Durchmarsch mit nur einer Niederlage und 30 Siegen in 34 Spielen bei 163:19 Toren. 2022/23 folgte ein Dämpfer: Als Dritter der 4. Liga musste Wieczysta eine Extrarunde drehen. Ein Jahr später machte es der Klub als Meister besser und 2025 gelang als Dritter über die Playoffs der Sprung in die Zweitklassigkeit. Mit jedem Aufstieg wuchs das Budget und die Transfers wurden spektakulärer.
Die Nationalspieler Wilde-Donald Guerrier (Haiti), Simeon Slavchev (Bulgarien) und Lisandro Semedo (Kap Verde), Ex-KSC-Profi Manuel Torres, das ehemalige Bayern-Talent Christoph Knasmüllner, Ex-Bochumer Jacek Góralski, der bei Man City und Barça ausgebildete Joan Román und langjährige Ekstraklasa-Profis wie Michal Pazdan, Maciej Jankowski, Lukasz Burliga, Blazej Augustyn, Rafal Pietrzak, Sasa Zivec, Michal Mak oder Rafa Lopes sind nur einige Namen, die es zu Wieczysta zog. Von 2021 bis 2022 stand Trainergröße Franciszek Smuda an der Seitenlinie.
In welchen Sphären schon früh gedacht wurde, verriet sein Vorgänger Przemyslaw Cecherz. In einem Interview erklärte dieser, man bemühe sich um Lukas Podolski – entschied sich später für seinen Herzensverein Górnik Zabrze – und habe auch Gespräche mit Ex-Oranje-Star Wesley Sneijder über ein Comeback geführt. Wenige Tage später war Cecherz Geschichte, es waren einige Sätze zu viel des Guten. So oder so: Kwiecien lockte früh mit Gehältern auf Erstliga-Niveau, sodass seine Spieler schon bald den Spitznamen „Scheichs von Krakau“ erhielten.
Wieczysta Krakau kämpft sich in die Ekstraklasa
Für das Ziel erste Liga legte Wieczysta auch im vergangenen Sommer noch mal nach. So verstärkten etwa Ex-Chelsea-Profi Lucas Piazón, der Schweizer Petar Pusic, mit einem Marktwert von 1,5 Millionen Euro wertvollster Zugang der Historie, Carlitos, 2017/18 Torschützenkönig und Spieler der Saison in Polen, der ehemalige Saarbrücker Stefan Feiertag oder Ekstraklasa-Größen wie Maciej Gajos und Dawid Szymonowicz das Team, das zum zweiten Mal von Cecherz trainiert wurde. Auch Namen wie Mario Balotelli oder James Rodríguez wurden gehandelt. Am Ende stand ein Kader mit der Erfahrung von knapp 3.000 Erstliga-Spielen – kein Konkurrent kam nur ansatzweise an diese Zahl heran.
Doch ganz ohne Probleme ging es in der 2. Liga nicht los. Das heimische Stadion erfüllte die Voraussetzungen nicht mehr, in Krakau fand sich keine Alternative. So musste Wieczysta in den Arcelormittal Park ins 60 Kilometer entfernte Sosnowiec umziehen. Im Schnitt kamen dort gerade mal knapp über 800 Zuschauer zu den Spielen. Hohn und Spott ließen nicht lange auf sich warten, die eigene Anhänger nahmen es mit Humor. „Wenn die Fans der zwölfte Mann auf dem Platz sind, dann spielen wir mit zehn“, witzelte etwa ein junger Fan ironisch.
Sportlich startete Wieczysta gut, selbst im Stadtderby gegen den souveränen Tabellenführer und Favoriten Wisla reichte es zu einem 1:1. Da die Gelb-Schwarzen für das Duell ins Stadion der Gäste auswichen, wurde mit 31.813 Zuschauern eine Rekordkulisse verzeichnet. Klubboss Kwiecien fehlte jedoch. Angesichts des Duells zweier Vereine, die ihm so am Herzen liegen, zog er einen Abstecher nach England vor. Wieczysta hielt sich mit nur einer Niederlage aus den ersten elf Partien auf Rang zwei, eine Sieglosserie ließ sie dann aber auf Platz acht abrutschen. Ex-Duisburg-Trainer Gino Lettieri sollte die Wende bringen, musste nach drei sieglosen Spielen aber schon wieder gehen.
Mit Kazimierz Moskal holte Wieczysta schließlich einen Experten an Bord, der bereits zweimal den Aufstieg in die Ekstraklasa geschafft hatte – und sollte dieses Mal recht behalten. Moskal führte die Gelb-Schwarzen zurück in die Aufstiegszone und bekam dabei noch mal reichlich Unterstützung auf dem Transfermarkt. 1,6 Mio. Euro investierte Wieczysta mal eben so im Winter in die Erstliga-Profis Aleksandar Djermanovic, Nikola Knezevic, Mikkel Maigaard, Paulinho sowie das Leihduo Natan Dziegielewski und Elias Olsson. Am Ende sprang Rang drei heraus, die Aufstiegsrunde sollte entscheiden.
Kurz zuvor brachten Gerüchte, Kwiecien wolle seine Investition in Wieczysta beenden und stattdessen 25 Prozent der Anteile an Wisla erwerben, Unruhe in den Verein. Vor allem die Spieler sahen eine ungewisse Zukunft vor sich, fühlten sich aber umso mehr für die Playoffs angestachelt. Denn viele von ihnen haben Verträge, die sich bei einem Aufstieg automatisch verlängern. Gespielt werden konnte in der Synerise Arena, die 7.000 verfügbaren Tickets waren innerhalb von 24 Stunden vergriffen – zum symbolischen Preis von umgerechnet 25 Cent. Nicht nur eingefleischte Fans, sondern auch Gelegenheitszuschauer sollten das Team unterstützen. Im Halbfinale wurde Polonia Warschau trotz einer Halbzeit in Unterzahl mit 3:2 bezwungen, im Endspiel Chrobry Glogow mit 2:1 – entscheidender Mann mit seinen Siegtoren war jeweils der Österreicher Feiertag.

Die Spieler von Wieczysta Krakau feiern den Ekstraklasa-Aufstieg
Während die Ekstraklasa-Rückkehr von Wisla in Krakau von Zehntausenden bejubelt wurde, fielen Wieczystas Feierlichkeiten deutlich kleiner aus. Nach dem Aufstieg soll Kwieciens möglicher Abschied vom Tisch sein, der Blick geht längst auf die nächsten Herausforderungen. Im Oberhaus will der Geschäftsmann gleich mit den anderen Investoren mithalten können, der Klassenerhalt soll nicht das Ziel sein. Die Lizenz für die Ekstraklasa wurde Wieczysta aber erst im zweiten Anlauf unter Auflagen erteilt. Der Klub muss bis zur neuen Saison seine Rechtsform in eine Sport-Aktiengesellschaft ändern. Die Planungen sind aber schon lange auf das Oberhaus ausgerichtet.
Wieczysta Krakau plant weitere Top-Transfers für Ekstraklasa
Medienberichten zufolge hat Wieczysta bereits vor Wochen erste Gespräche mit möglichen Neuzugängen aufgenommen, allesamt wären nur für die Ekstraklasa infrage gekommen. Unter ihnen sollen sich etwa Werders Verkaufskandidat Dawid Kownacki und Karol Linetty befinden, die Vizepräsident Pesko noch aus Polens Nationalmannschaft kennt und die allesamt bei Lech Posen ausgebildet wurden. Auch zum ehemaligen Fürther Afimico Pululu, bester Torjäger des Tabellendritten Jagiellonia Bialystok, gebe es Kontakt. Nach dem Aufstieg sollen die Gespräche zeitnah wieder aufgenommen werden.
„Ich weiß nicht, wie viel Kwiecien bisher ausgegeben hat, aber ich weiß, dass er jetzt fünfmal so viel ausgeben wird. Mit welchem Ergebnis? Das interessiert mich sehr“, zeigte sich Ex-Verbandspräsident Zbigniew Boniek kurz nach dem Aufstieg gespannt. Trainer bleibt wohl Moskal, auch wenn dessen Bilanz nach 134 Ekstraklasa-Spielen mit einem Punkteschnitt von 1,03 ausbaufähig ist. Sein Vertrag hat sich durch den Aufstieg aber automatisch verlängert. „Wir haben noch etwas Zeit, um über bestimmte Dinge nachzudenken, aber im Moment genießen wir den Erfolg“, betonte Moskal und ergänzte mit Blick auf Kwiecien: „Wir haben uns auf das Spiel vorbereitet, aber die nächsten Tage werden sicher etwas bringen. Ich gehe davon aus, dass sich eine Gelegenheit für ein Treffen ergeben wird. (…) Warten wir ein paar Tage ab, dann wird sich vieles klären.“
Wieczysta muss Stadionfrage klären – Erstmals seit 1953 drei Krakau-Klubs
Eine offene Frage, die dringend geklärt werden muss, ist das Stadion. Das Ausweichen nach Sosnowiec ist für Wieczysta mehr als unbefriedigend. Eigentlich will der Klub bei Mitaufsteiger Wisla kicken. Durch die guten Kontakte der Besitzer soll es eine entsprechende Zusage geben, allerdings könnte in der kommenden Saison auch Shakhtar Donetsk erneut seine Europacup-Spiele in der Synerise Arena austragen wollen. Sollte dies der Fall sein, bliebe Wieczysta womöglich der Zugang zum Stadion verwehrt. Am Ende entscheidet wohl die Stadt als Eigentümer, die ihrem Klub aber vielleicht auch die Priorität einräumt.
Auf die Fußballfans in Krakau wartet auf jeden Fall eine besondere Saison. Erstmals seit 1953 sind wieder drei Vereine aus der Stadt im Oberhaus vertreten: Damals wie heute Wisla und Cracovia sowie Wawel bzw. Wieczysta. Zuletzt hatte Posen 1994/95 drei Klubs (Lech, Warta und Olimpia) in der 1. Liga. Dass die Fans Krakau fußballerisch durchaus zu Recht als „Hauptstadt Polens“ feierten, liegt auch an der Zahl der Vereine aus der zweitgrößten Stadt: Nach Wisla, Cracovia, Garbarnia, die alle mal Meister wurden, Hutnik, Wawel, Podgorze und Jutrzenka ist Wieczysta schon der achte Erstligist aus Krakau – und will es auch bleiben.
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